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Forschungscluster 4: "Heiligtümer" - Arbeitsfeld 3: "Gestalteter Raum"
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Die Grabanlagen K93.11/K93.12 in Dra' Abu el-Naga/Theben-West (Luxor)
Vom Grab zum Tempel: Eine königliche Doppelgrabanlage der frühen 18. Dynastie und ihre Wiederbenutzung am Ende des Neuen Reiches
Forschungsobjekt:
Die unterhalb der Hügelkuppe von Dra' Abu el-Naga gelegene Doppelgrabanlage K93.11/K93.12 (Abb. 1) wurde in der frühen 18. Dynastie als königlicher Bestattungsplatz angelegt, und einige Indizien sprechen für eine Zuweisung an König Amenophis I. und seine Mutter Ahmes-Nefertari. Rund 400 Jahre später, am Ende der 20. Dynastie, wurden beide Anlagen von der Familie des Hohenpriesters des Amun, Ramsesnacht (Regierungszeit Ramses' VI., ca. 1150 v. Chr.), wiederbenutzt und aufwendig umgestaltet. Die Motivation für die Wahl dieses Ortes ist in der überaus großen Bedeutung der ursprünglichen Grabbesitzer zu erkennen, denn Amenophis I. und Ahmes-Nefertari wurden seit der 19. Dynastie als Götter verehrt. Durch die archäologische Untersuchung dieses Komplexes und die Erfassung seiner Nutzungsphasen läßt sich die Neugestaltung eines heiligen Platzes nachvollziehen.
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Abb. 1: Plan der Doppelgrabanlage K93.11/K.93.12 (Stand Dezember 2006), (Zeichnung: P. Collet/U. Rummel)
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Projektbeschreibung:
Nachdem K93.11 in den Jahren 1993 bis 2000 ausgegraben und dokumentiert und mit über 4000 geborgenen Relieffragmenten aus Sandstein die Überreste einer Kultkapelle des Hohenpriesters Ramsesnacht entdeckt wurden, war es ein Desiderat, auch K93.12, die südliche Grabanlage, u.a. daraufhin zu untersuchen, ob es in die ramessidische Umgestaltung einbezogen war. Die inhaltliche Notwendigkeit, diese außergewöhnliche Doppelgrabanlage - deren Gestalt und Dimension die Bestimmung als Privatgrab ausschließen - zu untersuchen, ergab sich aus der übergeordneten Fragestellung des Grabungsprojektes in Dra' Abu el-Naga, das sich der Erforschung der Nekropolen der Zweiten Zwischenzeit und des frühen Neuen Reiches und dabei vor allem den Königsgräbern widmet. Aufgrund des besonderen Befundes der ramessidischen Umgestaltung stehen hier noch weitere Fragen und Ansätze im Mittelpunkt (siehe unten), denen im Rahmen des Forschungsclusters 4 ("Heiligtümer") nachgegangen werden soll.
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Abb. 2: Blick über die Grabung im inneren Vorhof von K93.12 (Stand April 2007)
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Abb. 3: Relieffragment (Sandstein) des Hohenpriesters Amenophis
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Abb. 4: Trümmerschicht in Schnitt II der nördlichen Hofhälfte
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Ergebnisse der Grabungskampagnen Herbst 2006 und Frühjahr 2007:
Von Oktober bis Dezember 2006 fand die erste Grabungskampagne in K93.12 statt. Die Arbeiten erstreckten sich auf Teile des zweiten (= inneren) Vorhofs und auf den vorderen Bereich des Grabinnenraums. In zwei Schnitten konnte das Niveau im Vorhof bereits bis kurz über den gewachsenen Fels, und damit in die ramessidische Schichtung hinein abgetieft werden. Von Februar bis April 2007 wurde die Grabung in diesen Bereichen fortgesetzt (Abb. 2).
Wie sich gezeigt hat, sind die archäologischen Beobachtungen und Befunde in K93.12 jenen in K93.11 sehr ähnlich (s. die Hauptseite des Projekts) in beiden Anlagen sind drei Hauptnutzungsphasen feststellbar: der 18. Dynastie, der 20. Dynastie und der koptischen Zeit. Die z.T. schon obertägig sichtbare koptische Überbauung, die mit dem direkt oberhalb der Grabanlage gelegenen Kloster von Deir el-Bachit zusammenhängt, konzentrierte sich neben dem Grabinnenraum vor allem auf die nördliche Hofhälfte, wodurch der ramessidische Befund in diesem Bereich gewissermaßen "versiegelt" wurde. Die mindestens zwei Phasen koptischer Bebauung lassen sich auf Basis der geborgenen Keramik in das 7. bis 9. nachchristliche Jahrhundert datieren. Außerdem weist das stellenweise in der Hofverfüllung aufgefundene Spätzeitmaterial (Holzsargfragmente, Keramik) darauf hin, daß es - ebenso wie in K93.11 - neben den drei vorgenannten Nutzungsphasen in der 26. Dynastie auch einige Intrusivbestattungen gegeben hat, die offenbar massiv geplündert wurden.
Das zentrale und überraschende Ergebnis war die Feststellung, daß K93.12 vom Sohn Ramsesnachts, dem Hohenpriester des Amun, Amenophis (Regierungszeit Ramses' IX., ca. 1125 v. Chr.), übernommen wurde. Amenophis ließ hier ca. 20 Jahre später (zur Datierung siehe unten) eine gleichartige Kapelle aus Sandstein errichten wie sein Vater in der benachbarten Anlage. Davon zeugen hunderte dekorierte Sandsteinfragmente, von denen viele Name und Titel des Amenophis tragen (Abb. 3). Ein besonderes architektonisches Merkmal beider Anlagen sind die Hathorkapitelle, die nun auch in K93.12 festgestellt werden konnten. Nach dem Vorbild seines Vaters ließ Amenophis den inneren Vorhof der südlichen Anlage ebenfalls mit einer umlaufenden Säulenstellung versehen, von der bislang eine Sandsteinbasis in situ aufgefunden wurde. Wie die zahlreichen Säulen- und Kapitellfragmente bezeugen, waren diese Säulen sowohl mit Papyrus- als auch mit Hathorkapitellen bekrönt.
Neben dem ramessidischen Fundgut (wie Relieffragmente und Keramik) wurde auch Material geborgen, das in die Anlegungsphase des Grabes datiert: In allen Schnitten fanden sich in den unteren Schichten zwischen 5% und 20% Scherben der frühen 18. Dynastie. Die Anzahl der Indizien, die für eine Zuweisung des Gesamtkomplexes an Amenophis I. und Ahmes-Nefertari sprechen, konnte durch einen Fund im Bereich des Grabeingangs erweitert werden: Auf dem Sockelfragment einer kleinen Granitstatue ist der Thronname Amenophis' I., Djeser-Ka-Re, erhalten.
Ein weiterer mit K93.11 übereinstimmender Befund ist die Tatsache, daß auch die ramessidische Anlage in K93.12 mutwillig zerstört und buchstäblich "kurz und klein" geschlagen worden ist. Dies zeichnet sich in der direkt auf dem Felsboden aufliegenden aus Sandsteinbruch und -trümmern bestehenden Zerstörungsschicht ab, die einen Teil des Vorhofs bedeckt (Abb. 4). Neben der bereits erwähnten Basis, die in situ vor der Nordhälfte der Grabfassade gefunden wurde, konnten die Negative von zwei weiteren Säulenbasen in dem Sandsteinbruch festgestellt werden.
Auf Basis der bisherigen Ergebnisse läßt sich die Entwicklung des Platzes wie folgt umreißen: Die königliche Doppelgrabanlage der frühen 18. Dynastie, die wir Amenophis I. und Ahmes-Nefertari zuschreiben können, wurde in der 20. Dynastie vom Hohenpriester des Amun, Ramsesnacht, und seinem Sohn und Amtsnachfolger, Amenophis, übernommen. Die Motivation ist in der Heiligkeit der Stätte zu erkennen, die sie aufgrund der Präsenz der göttlichen Könige erworben hat. Während der Bau Ramsesnachts in die Regierungszeit Ramses' VI. zu datieren ist, muß die Bauaktivität seines Sohnes in K93.12 in die Zeit Ramses' IX. datiert werden. Da Amenophis hier mit dem Titel des Hohenpriesters erscheint, kann sein Monument nicht vor das Jahr 2 dieses Königs datieren, da Ramsesnacht bis dahin noch Amtsinhaber gewesen ist. Die Gottesgemahlin Isis, Tocher Ramses' VI. und zeitgenössische Amtskollegin Ramsesnachts - sowie seines Sohnes - scheint ebenfalls eine noch nicht geklärte Verbindung zu den umgestalteten Anlagen aufzuweisen. Sie ist auf zwei im Kloster verbauten Spolien und auf einem Relieffragment aus K93.11 mit Namen und Titel belegt. Beide ramessidische Kapellen wurden schließlich mutwillig zerstört. Möglicherweise ist dieser Befund mit einem historischen Ereignis zu korrelieren, das in der Ägyptologie als "Krieg des Hohenpriesters" oder "Suppression of the High Priest" bekannt ist (vermutlich in Jahr 12 Ramses' XI.). Im Zuge dieser Geschehnisse wurde Amenophis von Panehsi, dem Vizekönig von Kusch (Nubien), belagert und einige Verwaltungseinheiten der thebanischen Amundomäne von den Truppen Panehsis angegriffen und teilweise zerstört.
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Forschungsansätze und Fragestellungen:
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Der "Wandel der Grabsemantik" und seine architektonische Umsetzung - wie sind Elemente von Tempelarchitektur im Grabkontext zu bewerten?
Ausgangspunkt ist die in der Ramessidenzeit zu verzeichnende Tempelfunktion des Grabes. Das Grab wird nicht mehr nur als "Ort des Toten" (Ruhestätte, Wohnung, Stätte des Gedächtnisses/der Kommunikation zwischen Verstorbenem und Hinterbliebenen) definiert, sondern als Ort, an dem er mit den Göttern kommuniziert, diese verehrt und in ihre Mitte aufgenommen wird. Diese Funktion wird durch die architektonische Anlage des elaborierten ramessidischen Grabtyps evident: Pylon, offener Hof mit Säulen- oder Pfeilerstellung. In K93.11/K93.12 kommt ein weiteres auffälliges und bislang einzigartiges Merkmal hinzu: die Hathorkapitelle. Dieser Kapitelltyp ist im Neuen Reich bisher ausschließlich als Element von Tempelarchitektur belegt und dies nur im Kontext weiblicher Gottheiten oder Königinnen (hier kann wiederum der Bogen zur vergöttlichten Ahmes-Nefertari geschlagen werden, deren Präsenz wir an diesem Ort voraussetzen). Es erhebt sich die Frage, ob und inwiefern dieses Architekturelement die Funktion der Kapelle/des Grabes verändert? Oder erhalten die Hathorkapitelle im Grabkontext eine neue Bedeutung?
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Definition eines heiligen Ortes - was macht einen Ort "heilig"?
Welche spezielle Eigenschaft wird einem heiligen Platz zugesprochen und welches Ziel wird durch die Nutzung bzw. das Aufsuchen verfolgt? Im Falle von K93.11/K93.12 wird in den Grabstätten des "göttlichen Königspaares" eine besondere Nähe zur Götterwelt vorausgesetzt, die sich die beiden Hohenpriester im Hinblick auf ihre ewige Fortdauer zunutze machen. Wie z.B. eine Besucherinschrift in K93.11 aufzeigt, haben die neuen Monumente ihrerseits wieder als Bezugspunkt eines volkstümlichen Kultes für die hohepriesterliche "Klientel" gedient, die über ihren Patron Ramsesnacht um Vermittlung ihrer persönlichen Anliegen dem Gott (= Amun-Re) gegenüber sowie um Teilhabe an der göttlichen Gunst nachsuchten.
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Kulttopographie - wie ist ein Monument in eine definierte Kultlandschaft eingebettet?
Die thebanische Kultlandschaft ist von Prozessionsfesten geprägt. In diese religiöse Gesamtkonzeption der lokalen Festzyklen, welche die rituelle Erneuerung von Gott, König und Mensch (= Verstorbenem) zum Ziel hatten, waren neben den Tempeln auch die Gräber eingebunden. Das religiöse Phänomen des Prozessionsfestes und die damit verbundenen Kultpraktiken und -bedürfnisse haben sowohl Grab- als auch Tempelarchitektur wesentlich geformt. Es stellt sich die Frage nach den kulttopographischen Bezugspunkten: welche sind diese für K93.12, welche Bedeutung haben sie und wie werden sie konzeptionell berücksichtigt bzw. eingebunden?
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Ziele:
Das übergeordnete Ziel der archäologischen Untersuchung von K93.12 ist die Klärung der Funktion, welche die königlichen Grabanlagen durch die ramessidische Umgestaltung erworben haben: Tempel oder Grab - oder Tempelgrab? Handelt es sich um einen priesterlichen Bestattungsplatz oder um eine Kultkapelle an einem besonders heiligen Ort? Nachdem in K93.11 keinerlei Hinweise darauf gefunden wurden, daß Ramsesnacht hier tatsächlich bestattet wurde, bleibt zu klären, in welcher Weise K93.12 von seinem Sohn Amenophis genutzt wurde. Antwort auf diese Frage wird vor allem durch die Ausgrabung des noch verfüllten Schachtes im Grabinnenraum erhofft sowie durch die Auswertung des geborgenen Reliefmaterials. In jedem Fall bilden die zwei Anlagen der späten Ramessidenzeit ein herausragendes Zeugnis für den "Wandel des Grabgedankens", im Zuge dessen die Tempelfunktion des Grabes immer stärker in den Vordergrund tritt. Diese neue Semantik schlägt sich in der Architektur nieder, und in K93.11/K93.12 ist sie in bislang einzigartiger Weise umgesetzt vorzufinden. Hier zeigt sich eine ausgereifte Form des Tempelgedankens, in dem das Grab zum "Subjekt der Gottesverehrung" (Jan Assmann), zum Medium der Gottesnähe wird. Die Untersuchung dieser außergewöhnlichen Doppelgrabanlage wird dazu beitragen, unsere Kenntnis der spätramessidischen Konzeption des "Tempelgrabes" erheblich zu erweitern.
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Ansprechpartner
PD Dr. phil. Daniel Polz
Ägyptologie
Telefon: +20-(0)2-2735-1460, -2735-2321
Telefax: +20-(0)2-2737-0770
Email: polz@kairo.dainst.org
Dr. phil. Ute Rummel
Ägyptologie
Telefon: +20-(0)2-2735-1460, -2735-2321
Telefax: +20-(0)2-2737-0770
Email: rummel@soficom.com.eg
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Literatur
s. die Hauptseite des Projekts
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