Start   DAI   Forschung   Recherche   Kontakt   Infos   Aktuell   Jahresbericht   Presse  FAQ
 RSS   English   

China: Paläopathologie in Liushui

Paläopathologische Untersuchungen an bronze- und eisenzeitlichen Skelettresten Zentralasiens

Skelette als biohistorische Urkunden

Lage

    
  Abb. 1. Lage der Fundstelle Liushui.  

Am Oberlauf und in den trockenen Seitentälern des Keriya-Flusses im Kunlun-Gebirge wurden im Jahr 2002 prähistorische Bestattungen in der Nähe der Ansiedlung Liushui entdeckt und ausgegraben. Liushui ist ein spätbronzezeitlicher Bestattungsplatz an der südlichen Seidenstrasse (Abb. 1).

Abteilungen:
Eurasien-Abteilung
Außenstelle Peking der Eurasien-Abteilung

Weitere Informationen zur Abteilung/Kommission, die das Projekt betreut

Google Maps

 

 

druckerfreundliche Version
 

Geschichte

    
  Abb. 2. Liushui. Einzelbestattung in Grab 7 auf einem Holzgestell.  

Paläopathologie repräsentiert ein neues Arbeitsgebiet, das sich mit der naturwissenschaftlich-medizinischen Untersuchung archäologischer Skelettfunde befasst. Somit ist dieses Wissenschaftsgebiet zwischen Medizin, Anthropologie und Archäologie einzuordnen.

Ein archäologischer Skelettfund ist als biohistorische Urkunde zu verstehen, da er zuverlässige Informationen über vergangene Lebensbedingungen vermittelt. Ziel einer paläopathologischen Untersuchung ist es, die Ursachen von Erkrankungen (Ätiologie) und deren Häufigkeiten (Epidemiologie) in einer Population einer bestimmten Kulturperiode festzustellen. Die paläopathologische Untersuchung mehrerer Populationen desselben geografischen Großraums und derselben Kulturperiode erlaubt es, anhand des Krankheitsmusters soziale, ökonomische und politische Unterschiede herauszuarbeiten (Abb. 2).  

Ziele

    
  Abb. 3. Liushui. Grab 46. Bestattung von 4 Personen auf der Grabsohle.  

Das Ziel detaillierter paläopathologischer Untersuchungen ist es, äußere Lebensbedingungen einer vor- oder frühgeschichtlichen Population - wie beispielweise Ernährung, Wohn- und Arbeitsverhältnisse, geografische und klimatische Gegebenheiten sowie hygienische und sanitäre Bedingungen relativ zuverlässig zu rekonstruieren.

In der Göttinger Arbeitsgruppe Paläopathologie unter Leitung von Herrn Prof. Dr. Michael Schultz wurden im Laufe der letzten Jahre - mit denselben Methoden und Techniken - mehrere bronze- und eisenzeitliche Populationen in Zentral-, Süd- und Osteuropa, im Vorderen Orient sowie im eurasischen Steppengürtel (z. B. Ukraine, Kazachstan, Sibirien, Mongolei) vergleichend untersucht. Das Ziel dieser Untersuchungen besteht darin, in vergleichender Perspektive die Lebensweise (hauptsächliche physische Beanspruchung, Ernährung, Gesundheitsstatus) der Völker des eurasischen Steppengürtels im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. aufzuklären. Damit können biohistorische Urkunden als eine wesentliche Informationsquelle weitaus intensiver als bisher in die Forschungsdiskussion z. B. um den Nachweis von bäuerlich sesshafter und nomadischer Wirtschaftsweise einbezogen werden. Das würde ihrem Erkenntnispotential gerecht.

Der Erkenntnisgewinn, der sich aus einem Abgleich von paläopathologischen mit ergologischen Studien ergeben könnte, ist ausgesprochen vielversprechend und für verschiedene Wissenschaftsdisziplinen höchst anregend. So würden beide DAI-Forschungscluster 1 und 2 (1: Von der Sesshaftwerdung zur komplexen Gesellschaft: Siedlung, Wirtschaft, Umwelt; 2: Innovationen: technisch, sozial) davon profitieren (Abb. 3).

Dass es sich dabei um Grundlagenforschung handelt, macht auch ein weiterer methodischer Aspekt deutlich. Es werden nach einem neuen biochemischen Verfahren, das von T. H. Schmidt-Schultz in Göttingen entwickelt und international 2004 vorgestellt wurde, die extrazellulären Matrixproteine aus rezentem und archäologischem nativem Knochengewebe extrahiert, gelöst und identifiziert. Die extrazellulären Matrixproteine bestimmen den Knochenstoffwechsel maßgeblich. Ihr Nachweis gestattet interessante Rückschlüsse auf Stoffwechselprozesse, die zu Lebzeiten des Individuums abliefen. Somit lassen sich jetzt auch anhand biochemischer Diagnosen die Ursachen von Mangel- (z.B. Skorbut, Rachitis) und Infektionskrankheiten (z. B. Tuberkulose, Lepra, Syphilis und Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises) sowie von Tumorerkrankungen (z. B. Prostata Carcinom) noch sehr viel genauer nachweisen. Im Vergleich mit rezenten Knochenproben besteht die Möglichkeit, eine Entwicklung von Krankheiten über die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zu untersuchen.  

Forschungsgeschichte

In den Jahren 2002 - 2005 wurden in Liushui alle noch erhaltenen 52 Grabanlagen freigelegt. Sie datieren in das 10. bis 8. Jh. v. Chr. und damit in die späte Bronze- und frühe Eisenzeit in Xinjiang. 

Bisherige Arbeiten

Während der Kampagnen September/Oktober 2006 und 2007 wurden die Skelettmaterialien von insgesamt 30 Grabanlagen mit ca. 106 Individuen des Friedhofes Liushui in der Station Korla vermessen und lupenmikroskopisch untersucht. Damit liegen Erkenntnisse zu mehr als 50 % der Skelettpopulation vor, und zwar vor allem aus Bestattungskontexten, die wegen ihrer Beigabentypen aus Metall und Keramik einen besonders hohen Aussagewert besitzen.

Darüber hinaus konnte die genannte Arbeitsgruppe im Museum von Korla sieben Mumien aus unterschiedlichen historischen Perioden untersuchen.  

Aktuelle Arbeiten

    
  Abb. 4. Liushui. Grab 4, Individuum 1. Skeletterhalt.  
    
  Abb. 5. Liushui. Grab 26, Individuum 2. Skeletterhalt.  

In der letzten Aufarbeitungs- und Dokumentationskampagne in der Station Korla (VR China) im Herbst 2008 sollen alle noch verbliebenen Skelettreste aus Liushui untersucht werden (Abb. 4 und 5). Damit wäre dann die gesamte bestattete Population vollständig erfasst und die Grundlage für die erste chinesische, zukünftig vielseitig nutzbare Studiensammlung geschaffen.

Hauptgegenstand der Arbeiten im Jahr 2008 wird die publikationsreife Auswertung aller Untersuchungen in Text und Bild sein, damit sie in den monographischen und zweisprachig Deutsch/Chinesisch geplanten Grabungsbericht zu Liushui aufgenommen werden können.

Im Zusammenhang mit der Einführung der in diesem Projekt angewandten paläopathologischen Untersuchungsverfahren in China steht auch die Betreuung einer chinesischen Doktorandin, die ab Oktober 2007 für drei Jahre von der Hongkonger Xinhongji Kwok Foundation in Deutschland gefördert wird.  

Methoden

Die menschlichen Skelettfunde der Grabung Liushui werden in der Station des Archäologischen Instituts der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Korla (Xinjiang) mit makroskopischen und lupenmikroskopischen (Anthropologie, Paläopathologie) Techniken untersucht. Nach der anthropologischen Lebensalters- und Geschlechtsbestimmung werden die Körperhöhen anhand der Langknochenlängen errechnet. Des weiteren werden vorläufige Hinweise zur Bodenlagerung der Skelettfunde (Diagenese) vorgenommen. 

Ergebnisse

    
  Abb. 6. Liushui. Grab 26, Individuum 2. Reiterfacette (Stern).  
    
  Abb. 7a. Liushui. Grab 26, Individuum 5. Rückenansicht des linken Schulterblattes.  
    
  Abb. 7b. Liushui. Grab 26, Individuum 5. Linkes Schulterblatt: Schulterhöhe von oben.  
    
  Abb. 7c. Liushui. Grab 26, Individuum 5. Schulterhöhe von außenseitlich: Fuge zwischen dem nicht erhaltenen Ende ("Os acrominale") und dem Basisabschnitt der Schulterhöhe.  
    
  Abb. 8. Liushui. Grab 26, Individuum 6. Schmelzmangelerscheinung (Hypoplasie) am unteren rechten zweiten Backenzahn.  
    
  Abb. 9. Liushui. Grab 26, Individuum 2. Kurzfristig überlebtes Gesichtstrauma.  

Erste Ergebnisse der Kampagne 2006:

Da alle sechs der in Grab 26 von Liushui ausgegrabenen Skelette nahezu vollständig erhalten sind, sind weitreichende Aussagen möglich. Die beschriebenen Krankheiten sind jedoch als Fallstudien zu werten.

Es handelt sich um die Skelette eines zwölfeinhalb- bis vierzehnjährigen Knaben (Ind. 26/1), dreier erwachsener Männer (Ind. 26/2,3,5) und zweier Frauen (Ind. 26/4,6). Nur einer der Männer erreichte das mature Lebensalter (Ind. 26/2: 45-55 (59) Jahre) und auch beide Frauen starben jung. Der Knochenfund eines Feten (Ind. 26/6A) bei der frühadulten Frau (Ind. 26/6) lässt den Verdacht zu, dass diese im Kindbett gestorben sein könnte.

Die sechs Skelette repräsentieren einen grazilen Konstitutionstyp von normalem Wuchs. Die Langknochen sind nicht sehr robust, weisen aber dennoch an den Ursprungs- und Ansatzmarken bestimmter Muskeln eine deutliche Verdickung auf, die in mehreren Fällen Spuren einer Muskelsehnenzerrung erkennen lassen. Bei einem dieser Muskeln, dem Großen Adduktor des Oberschenkels, handelt es sich um einen Muskel, der besonders beim Reiten beansprucht wird.

Sehr interessant ist die bei zwei Individuen (Ind. 26/2: 44-55 (59)-jähriger Mann; Ind. 26/5: 24-29-jähriger Mann) zu beobachtende doppelseitige Ausbildung einer am Oberschenkelhals gelegenen Struktur, die als sogenannte Reiterfacette (Poirer Facette) bezeichnet wird und die auf eine extreme Vorwärtswendung des Oberschenkels im Hüftgelenk, wie es beim Reiten der Fall ist, zurückgeführt wird (Abb. 6). Ausserdem lassen Art und Muster einiger Frakturen auf einen Reitunfall schliessen (Ind. 26/2). Diese und weitere aufschlussreiche Befunde sprechen dafür, dass im bronzezeitlichen Liushui offenbar das Pferd als Reittier intensiv genutzt wurde.

Bei einem mit 24-29 Jahren verstorbenen Mann (Ind. 26/5) besteht aufgrund des Vorliegens eines "Os acromiale" (Schultergelenkdistorsion) der Verdacht, dass dieser jungerwachsene Mann seit seiner Kindheit intensives Bogenschießen betrieben haben könnte (Abb. 7 a-c).

Das Fehlen von Karies und die relativ geringgradige Abrasion der Kauflächen sowie die relativ häufige und intensive Ausbildung von Zahnfleischentzündungen sprechen dafür, dass die in Grab 26 Bestatteten offenbar keine Ackerbauern waren, sondern eher einer Population angehört haben dürften, die sich häufig von Fleisch ernährten (z. B. Viehzüchter, Jäger) (Abb. 8).

Hieb- und Schussverletzungen konnten in zwei Fällen nachgewiesen werden (Ind. 26/2,3). Für den Stand der damaligen medizinischen Versorgung ist interessant zu wissen, dass die Schussverletzung im Gesicht des älteren Mannes (Ind. 26/2) möglicherweise chirurgisch versorgt worden ist (Abb. 9).

Kampagne 2009 wurde ausgesetzt.

 

Kooperationen

Dr. Wu Xinhua
Archäologisches Institut der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften Arbeitsgruppe Xinjiang

Prof. Dr. Dr. Michael Schultz, Dr. T. Schmidt-Schultz, Dr. J. Gresky
Zentrum Anatomie der Georg-August-Universität Göttingen  

Ansprechpartner

Dr. Julia Gresky

Telefon: +49-(0)30-187711-339
Telefax: +49-(0)30-187711-313
Email: jgr@dainst.de

Prof. Dr. phil. Mayke Wagner

Archäologie Ostasiens
Telefon: 03018-7711-312
Telefax: 03018-7711-313
Email: mw@eurasien.dainst.de

Externe Ansprechpartner

Prof. Dr. Dr. Michael Schultz
Telefon: ++49-(0)551-39-7028 oder -7000 (Sekretariat)
Telefax: ++49-(0)551-39-7043
Email: mschult1@gwdg.de

Förderung

DAI  

Literatur

M. Schultz, T. H. Schmidt-Schultz, Wu Xinhua, Ergebnisse der paläopathologisch-anthropologischen Untersuchung der menschlichen Skeletfunde aus dem Grab 26 von Liushui, Xinjiang (China). Eurasia Antiqua 13, 2007, 181-197.

J. Gresky, Wu Xinhua, M. Wagner, T. Schmidt-Schultz und M. Schultz, Alltagsstress in Liushui - Krankheitsbilder des Bewegungsapparates im bronzezeitlichen Westchina, Eurasia Antiqua 14, 2008, 167-191.  

 


 
 

Aktualisiert: 04.02.2010

Copyright 2002-2010 Deutsches Archäologisches Institut | Impressum & Disclaimer  Sitemap