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Die Seßhaftwerdung ursprünglich wildbeuterisch lebender Gemeinschaften in Verbindung mit der Domestikation von Pflanzen und Tieren markiert einen der folgenreichsten Entwicklungsschritte der Menschheit auf dem Weg zur Entstehung komplexer Gesellschaften. Verlauf und Intensität dieses Prozesses wurden oftmals von den naturräumlichen Rahmenbedingungen beeinflußt. Siedlung, Wirtschaft und Umwelt sind deshalb die entscheidenden Faktoren, die die Dynamik und die Richtung dieser Entwicklung bestimmen. Vor dem Hintergrund altweltlicher Kulturverhältnisse wird das Phänomen der Seßhaftwerdung in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Übergang von aneignender zu produzierender Wirtschaftsweise (Ackerbau und Viehzucht) bei gleichzeitigem Auftreten von ersten gebrannten Tongefäßen (Keramik) und geschliffenen Steingeräten gesehen. Der Prozeß, an dessen Ende diese Kernmerkmale (das sog. neolithische 'Bündel') stehen, wird gemeinhin als "Neolithisierung" bezeichnet. Die Einzelheiten dieser Entwicklung sind jedoch noch weitgehend unbekannt und bedürfen dringend näherer Klärung.
Früheste Formen permanenter Ansiedlungen und die Anfänge der Domestikation von Pflanzen und Tieren sind aus dem Vorderen Orient (dem sog. fruchtbaren Halbmond) seit dem 10. Jt. v. Chr. bekannt. Von dort breitete sich diese frühbäuerliche Lebens- und Wirtschaftsweise ab dem 7. Jt. v. Chr. aus, wobei die Forschung von vier 'klassischen' Richtungen ausgeht: erstens von der Levante über Zypern und Anatolien nach Griechenland und über Balkan und Karpatenbecken bis Mittel- und Nordeuropa, zweitens vom ostmediterranen Raum aus entlang der Mittelmeerküste über Süditalien und Südfrankreich bis Spanien und Nordwestafrika, drittens über Ostanatolien und Transkaukasien in die osteuropäische Steppe sowie - etwas weiter östlich - über Nordiran nach Mittelasien und viertens über Ägypten nach Nordafrika.
Die Ursachen und Mechanismen dieser Ausbreitung werden seit langem kontrovers diskutiert. Die Standpunkte gehen dabei von einer unterschiedlichen Bewertung der Phänomene Migration, Kommunikation und Autochthonie aus. Die Frage, ob Migration oder autochthone Entwicklung den Beginn von Seßhaftigkeit und Landwirtschaft auslösten, stand dabei von Anfang an im Vordergrund. Unter dem Einfluß von prozessualer Archäologie und Systemtheorie verfolgte man später vermehrt ökologische Ansätze zur Erklärung dieses Phänomens. Als Folge postprozessualer Strömungen richtete sich das Augenmerk dann eher auf soziale Aspekte. Die Modelle und Hypothesen wurden dadurch immer komplexer und vielschichtiger. Sie spiegeln die vorherrschenden theoretischen Ansätze ihrer jeweiligen Entstehungszeit wider, aber das Ergebnis blieb weitgehend unverändert: Noch heute geht es im Kern um die Frage, ob Migration oder Klimawandel und Bevölkerungsdruck die Neolithisierung weiter Teile der Alten Welt bewirkten. Außer Frage steht inzwischen, daß die Umweltbedingungen entscheidenden Einfluß auf diesen Prozeß hatten; doch das Ausmaß der ökologischen Determiniertheit ist noch immer schwer abzuschätzen. Insofern bleibt auch offen, wie prägend der Zusammenhang zwischen den zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen und den Anfängen seßhaften Lebens tatsächlich war.
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Mit dem Schritt weg von einer ausschließlich auf den Vorderen Orient und Alteuropa gerichteten Forschungsperspektive und hin zu einer Einbeziehung anderer Teile der Welt - ein Schritt, den das DAI bereits vor Jahrzehnten vollzogen hat - wurde deutlich, daß Überlegungen, die von mehreren vom fruchtbaren Halbmond ausgehenden Neolithisierungswellen ausgehen, nicht überall anwendbar sind. Weitere Entstehungszentren zumindest einiger der genannten Kernmerkmale frühbäuerlichen Lebens und Wirtschaftens lassen sich in Ostasien, in der Zentralsahara, in Südamerika und anderswo lokalisieren und scheinen teilweise vergleichbar früh einzusetzen, wenngleich eine tragfähige chronologische Grundlage für eine komparative Betrachtung dieses Phänomens im globalen Maßstab erst noch zu erarbeiten ist.
Die jüngsten Ausgrabungen am Göbekli Tepe in Südostanatolien mit dem Nachweis religiöser Monumentalarchitektur in einem noch wildbeuterisch geprägten Umfeld haben der Forschung um die frühe Seßhaftwerdung und die Anfänge landwirtschaftlicher Produktion neue Impulse gegeben, die bislang nicht gestellte Fragen zum Übergang von Jäger- und Sammlergemeinschaften zu bäuerlichen Kulturen aufwerfen. In den Waldgebieten Nordosteuropas kommt es dagegen zu der in Göbekli Tepe noch unbekannten Keramikherstellung, ohne daß jedoch feste Siedlungen gegründet sind und produzierend gewirtschaftet wird. Im Hinterland der marokkanischen Küste scheinen anfangs seßhafte Gruppen wieder zu wildbeuterischem Leben übergegangen zu sein. Diese wenigen Beispiele zeigen bereits, daß die Anfänge von Seßhaftwerdung und der Beginn produzierenden Wirtschaftens nicht immer zusammenfielen, auch konnte die Entwicklung in unterschiedliche Richtungen führen. Selbst in den schon früh von vollneolithischen Kulturverhältnissen geprägten Gebieten Vorderasiens sowie Süd- und Mitteleuropas vollzog sich dieser Prozeß komplexer als bislang vielfach angenommen.
Neue Forschungsergebnisse von Unternehmungen des DAI in verschiedenen Teilen der Alten Welt zeigen, daß eine allzu starre Anwendung des Begriffs 'Neolithikum' den tatsächlichen in Verbindung mit der Seßhaftwerdung des Menschen verbundenen Entwicklungen nicht mehr ganz gerecht wird. Beziehen wir archäologische Befunde der Neuen Welt ein, wird dieses Dilemma noch deutlicher. So kam es an den Küsten Nord- und Südamerikas aufgrund reichhaltiger Nahrungsressourcen schon früh zur Ausbildung dauerhafter Siedlungen, allerdings ohne Anzeichen von Bodenbau und Keramikproduktion. Ebenso existierten im Andenraum stadtähnliche Siedlungen mit Monumentalarchitektur, die jedoch noch keine Keramik kannten. Dies erinnert zwar an Entwicklungen, wie sie der Göbekli Tepe zum Ausdruck bringt, und dennoch haben beide Phänomene wenig gemeinsam. Diese Vorgänge jedoch ausschließlich unter dem Begriff der Neolithisierung in seiner altweltlichen Bedeutung zu betrachten, d. h. vom Standpunkt wirtschaftlicher Neuerungen, speziell des Bodenbaus und der Viehzucht, aus, hieße, die Perspektive beträchtlich einzuengen.
Der entscheidende und nachhaltigste Schritt, den der Mensch in sehr verschiedenartigen Natur- und Kulturräumen unter teilweise stark voneinander abweichenden Voraussetzungen und Rahmenbedingungen vollzog, war die Seßhaftwerdung, die vielfach dem Übergang von aneignendem zu produzierendem Wirtschaften voranging. Die Seßhaftigkeit bewirkte neue Formen des Zusammenlebens, was die bis dahin bestehenden sozialen Strukturen aufbrach und neue entstehen ließ, wie Siedlungsformen und diverse Hinweise auf gesellschaftliche Hierarchien und Arbeitsteilung etc. erkennen lassen. Die Konzentration der Betrachtung auf den Entstehungsprozeß permanenter Niederlassungen besitzt zudem den Vorteil, daß das Untersuchungsobjekt im archäologischen Befund klarer faßbar und dadurch weltweit besser vergleichbar wird. Sind früheste Siedlungen lokalisiert, so lassen sich die Faktoren, die dafür ausschlaggebend waren, gezielt untersuchen. Dabei wird vermutlich deutlich werden, daß Seßhaftwerdung unter unterschiedlichsten Vorzeichen und Einflüssen stattfand, wobei Nahrungsgrundlagen, Zugang zu Ressourcen, Standortfaktoren, Klimaeinflüsse u. v. m. gleichermaßen von Bedeutung waren. Doch unabhängig von dem jeweiligen Natur- und Kulturraum, der hinter der Seßhaftwerdung stehende Wandel war - einmal in Gang gesetzt - nirgendwo statisch, sondern ausgesprochen dynamisch und führte in der Folgezeit zur Entstehung komplexer Gesellschaften.
Inhaltliche Aspekte
Der Bedarf, das Umfeld und die Rahmenbedingungen der Seßhaftwerdung des Menschen in den unterschiedlichsten Natur- und Kulturräumen der Alten wie Neuen Welt vergleichend zu untersuchen - das vordringliche Ziel dieses Forschungsclusters -, ist enorm und könnte auch die Diskussion zu den Anfängen des Neolithikums in Vorderasien und Alteuropa durch neue Betrachtungsansätze entscheidend beleben und zu einer kritischen Neubewertung bisheriger Modelle und Hypothesen beitragen. Nur so ist zu wirklich weiterführenden Einsichten zu gelangen. Etliche in verschiedenen Teilen der Alten wie der Neuen Welt durchgeführte Ausgrabungsprojekte des DAI gehen von ähnlichen Fragestellungen aus und bieten deshalb geradezu ideale Voraussetzungen für ein solches Vorhaben.
Die Fragen, die sich alle mit diesem Cluster verbundenen Projekte zu stellen haben, sind dabei klar: Wie stark war der ökologische Einfluß auf die kulturelle Entwicklung des Menschen tatsächlich, gerade im Hinblick auf Seßhaftwerdung und den Übergang zu produzierender Wirtschaftsweise? Was führte den Menschen dazu, das jahrtausendelang praktizierte Jäger- und Sammlertum zugunsten einer arbeitsintensiveren und letztlich auch risikoreicheren, weil stärker vom Klima abhängigen Landwirtschaft aufzugeben? Waren die Formen menschlichen Zusammenlebens und Wirtschaftens in der Tat in erster Linie von den natürlichen Rahmenbedingungen abhängig, oder kommt auch bestimmten kulturellen Faktoren eine vielleicht ähnliche wichtige Rolle zu, was möglicherweise sogar zu einer Relativierung der ökologischen Determiniertheit führen könnte? Immerhin griff der Mensch nach der Seßhaftwerdung und nach dem Übergang zur Landwirtschaft auch nachhaltig in seine Umwelt ein und formte sie vielfach um, was wiederum Rückwirkungen auf ihn selbst haben konnte. Daraus folgt die Frage, wie der Mensch die Nutzung der zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen im Umfeld permanenter Siedlungen organisierte, um auch - was für ihn überlebenswichtig war - ihren Fortbestand zu sichern. Lassen sich aus den zu diesem Cluster zusammengeschlossenen Projekten nur Modelle für ganz spezifische historische Einzelsituationen entwickeln, oder sind Mechanismen zu erkennen, die unter bestimmten Voraussetzungen einer gewissen Gesetzmäßigkeit, ja Zwangsläufigkeit unterliegen und dadurch generalisierbar sind?
Interdisziplinäre Aspekte
Die enge Vernetzung solcher Forschungen mit modernen archäo-naturwissenschaftlichen Methoden, wie sie bereits in nahezu allen an diesem Cluster beteiligten Projekten erfolgreich praktiziert wird, ist dabei unerläßliche Voraussetzung. Dabei muß es das vordringliche Ziel sein, diese interdisziplinäre Kooperation noch weiter zu intensivieren und gleichzeitig auf die Entwicklung neuer naturwissenschaftlicher Verfahren hinzuwirken. Dies betrifft z. B. den Einsatz von exakten Datierungsmethoden (Radiokarbonmethode, Dendrochronologie, Termolumineszenz u. a.) als Grundlage einer komparativen Betrachtung unterschiedlichster Kulturräume, die Nutzung bekannter und die Entwicklung neuer geophysikalischer Prospektionsverfahren zur Erfassung von Siedlungsgrößen, Siedlungsstrukturen und landwirtschaftlichen Nutzflächen, archäozoologische und archäobotanische Forschungen zur Rekonstruktion von Wirtschaftsgrundlagen und Ernährungsgewohnheiten, geowissenschaftliche Disziplinen zur Klima- und Landschaftsgeschichte, Materialanalysen an Keramik, Stein u. a., paläopathologische Untersuchungen an menschlichem Skelettmaterial zur Feststellung von Mangelernährung und Krankheitsbildern seßhaft gewordener Bevölkerungen im Vergleich zu Wildbeutern, Isotopenanalysen zur Quantifizierung der Mobilität von Mensch und Tier u. v. m. Dabei ergeben sich in besonderer Weise Verknüpfungsmöglichkeiten mit dem Förderschwerpunkt "Neue naturwissenschaftliche Methoden und Technologien in den Geisteswissenschaften" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).
Regionale Aspekte
Die durch diesen Forschungscluster vernetzten Projekte des DAI werden in ganz unterschiedlichen Teilen der Alten wie Neuen Welt durchgeführt, wobei insgesamt vier Großräume zu unterscheiden sind. Die Unternehmungen am südostanatolischen Göbekli Tepe und im mittleren Orontes-Tal liegen gewissermaßen im Entstehungsgebiet von Seßhaftwerdung und produzierendem Wirtschaften im Bereich des sog. fruchtbaren Halbmonds und zielen auch auf eine Erforschung der Anfänge dieses Prozesses ab. Aruchlo, Kırklareli und Okolište befinden sich dagegen in einem primären Ausbreitungsgebiet, wobei im transkaukasischen Aruchlo die Verbindungen von Vorderasien über den Kaukasus-Hauptkamm hinweg nach Norden untersucht werden, während in Kırklareli Fragen der Einflüsse Anatoliens auf die Balkanhalbinsel im Vordergrund stehen, und in Okolište werden wiederum die Kontakte zwischen Adriaküste und zentralbalkanischem Hinterland untersucht. Mit einem sekundären Ausbreitungsgebiet befassen sich die Projekte in Ambrona auf der Kastilischen Hochebene, im Hinterland der marokkanischen Küstenzone sowie in den Waldregionen Nordosteuropas; die Anfänge und der Verlauf der Seßhaftwerdung unterschieden sich dort bereits erheblich von den Entstehungs- und primären Ausbreitungsgebieten. Die globale Perspektive ermöglichen schließlich weit außerhalb des Vorderen Orients und Alteuropas gelegene Räume mit gänzlich unabhängigen Eigenentwicklungen, zu denen die Vorhaben im südperuanischen Palpa und Montegrande sowie im ostbolivianischen Llanos de Moxos gehören.
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International Workshop "Sedentism: Worldwide research perspectives for the shift of human societies from mobile to settled ways of life"
23 - 24/10/2008
Organizers: The German Archaeological Institute, Research Cluster 1 "From Sedentarization to Complex Societies: Settlement, Economy, Environment"
Against the background of the cultural circumstances of the Old World, the phenomenon of sedentarization is traditionally regarded as being closely connected with the transition from a hunter-gatherer mode of subsistence to a productive mode (agriculture and animal husbandry) with the simultaneous appearance of pottery and polished stone tools - a process generally termed 'Neolithization'. New research results in various parts of the world, however, show that the term 'Neolithic', when too strictly applied, does not do justice to the actual developments associated with sedentarization: the beginnings of sedentariness and the emergence of a productive mode of economy did not always coincide, and indeed the development could lead in contrary directions. Even in those areas of the Near East and south and central Europe which display fully Neolithic culture early on, the process was more complex than many have assumed thus far.
The need to undertake a comparative analysis of the general circumstances of sedentarization in the highly diverse natural and cultural environments of the Old and New World is acute. The workshop is aimed to intensify this important research into of mankind's most momentous evolutionary steps towards the emergence of complex societies.
Deutsches Archäologisches Institut
Dr. Markus Reindel
Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen (KAAK) Bonn
Dürenstraße 35-37
D-53173 Bonn
Tel.: 0049-1888-7712-21
Email: reindel@kaak.dainst.de
Program (PDF, 22.1 KB) [18/06/08]
Venue: German Archaeological Institute, Wiegandhaus, Podbielskiallee 69-71, D-14195 Berlin
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