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Antike Städte, Städtebau und jüngst auch antike "Stadtkultur" gehören zu den zentralen Forschungsfeldern der Klassischen Archäologie. Dieses Interesse läßt sich bis ins 19. Jh. zurückverfolgen, als beispielsweise Alexander Conze, der erste Grabungsleiter von Pergamon, explizit forderte, nicht nur Kunstwerke und einzelne Gebäudekomplexe, sondern auch das "Großstadtindividuum" Pergamon als solches zu erforschen. Griechisch-römischer Städtebau ist ein Schwerpunktthema der archäologischen Bauforschung, und die dezidiert kulturhistorische Ausrichtung weiter Teile der Klassischen Archäologie in den letzten Dezennien hat zahlreiche Studien zu Städten als - jedenfalls in moderner Wahrnehmung - typischem Lebensraum antiker Menschen hervorgebracht. Vor diesem Hintergrund überrascht es, daß die Hafenstadt als Sonderform und zugleich als besonders charakteristische Erscheinung antiker Stadtkultur bisher kaum Aufmerksamkeit erfahren hat. Dies um so mehr, als bedeutende antike Zentren wie z.B. Karthago, Milet, Smyrna, Ephesos, Byzanz oder Alexandria Hafenstädte waren. Andere Metropolen wie Athen, Pergamon, Antiochia oder Rom verfügten über maritime Satelliten, die das Manko eines fehlenden Zugangs zum Meer ausgleichen sollten.
Für die Vernachlässigung des Phänomens "Hafenstadt" in der archäologischen Forschung lassen sich mehrere Gründe anführen. Zum einen sind zahlreiche antike Hafenstädte aufgrund von Verlandung und Veränderungen in den Küstenverläufen heute nicht mehr unmittelbar als solche zu erkennen. Dies trifft beispielsweise auf Milet, Ephesos und Priene im westlichen Kleinasien zu. Auch wenn die Existenz von Häfen an diesen Orten seit langem bekannt ist, bleibt doch der Eindruck einer Binnensiedlung bestehen und prägt auch die wissenschaftliche Wahrnehmung der Orte. Hinzu kommt die Herkunft eines Großteils der Forscher aus (dem binnenländischen) Mitteleuropa, was häufig zur Folge hat, daß die Küstenlage einer Stadt und deren Orientierung auf den Hauptverkehrs- und Kommunikationsweg Meer nicht als vorrangige Analysekategorie und Deutungsoption präsent ist. Über individuelle Prägungen hinaus hängt die Vernachlässigung der maritimen Disposition zahlreicher antiker Städte mit dem relativen Bedeutungsverlust des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres als Verkehrs-, Wirtschafts-, Militär- und Kommunikationsraum zusammen, der zwischen der Antike und Heute zu verzeichnen ist. Demzufolge wird bei der Untersuchung von Hafenstädten als Schnittstellen zwischen Land und Wasser die Anbindung der Siedlung ans Meer häufig weniger intensiv gewürdigt. Und tatsächlich ist die räumliche Bezugnahme einer Stadt auf das sie umgebende Land mit Stadttoren oder Tormonumenten, gräbergesäumten Ausfallstraßen und extraurbanen Heiligtümern archäologisch weitaus evidenter als die häufig schlecht erhaltenen, schwer nachweisbaren und typologisch kaum kategorisierten bzw. kategorisierbaren Hafenbauten.
Damit soll freilich nicht suggeriert werden, daß sich die archäologischen Wissenschaften nicht mit der maritimen Vergangenheit beschäftigen würden. So wird die prägende Bedeutung des Mittelmeers als Kulturraum bei der Beschäftigung mit dem Transfer von Menschen, Gütern und Ideen durchaus berücksichtigt. Demgegenüber haben sich die Forschungen zu den materiellen Manifestationen des Verhältnisses der Menschen zum Meer, d.h. die Beschäftigung mit Schiffahrt und Hafenanlagen, zu eigenen Spezialdisziplinen entwickelt, deren Diskurse und Resultate in den Kerngebieten der Klassischen Archäologie, d.h. auch innerhalb der antiken Urbanistik, kaum noch wahrgenommen werden.
Hauptsächliches Anliegen des hier beschriebenen Forschungsvorhabens ist daher die Betrachtung einer Auswahl antiker Hafenstädte unter Berücksichtigung der Frage, inwieweit ihre städtebauliche Gestaltung von ihrer Funktion als Ankerplatz und als Schnittstelle zwischen den Räumen Land und Wasser geprägt ist. Als besonders aussagekräftige Beispiele werden Milet, Piräus, Rhodos, Alexandria, Phaselis (türk. Südküste), Ephesos, Caesarea Marittima, Puteoli und Ostia herangezogen. Das Verhältnis zwischen einer hellenistischen Residenzstadt und ihrem maritimen Satelliten soll am Beispiel von Pergamon und Elaia diskutiert werden, einer älteren Polis im Umland der Metropole, wo unter Leitung von F. Pirson seit 2006 archäologische Feldforschungen durchgeführt werden (DFG SPP 1209 "Die hellenistische Polis als Lebensform"). Durch den Einstieg in die Thematik über Vergleiche mit mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hafenstädten des Mittelmeers sollen nicht nur Perspektiven der Interpretation anhand von Beispielen aus besser dokumentierter Perioden eröffnet werden, sondern zugleich die Grundlage für eine Betrachtung der Gestaltung von Hafenstädten als Reaktion auf gleichbleibende naturräumliche Voraussetzungen, d.h. mithin als ein Phänomen der longue durée, gelegt werden (Forschungsaufenthalt am Kunsthistorischen Institut in Florenz - Max-Planck-Institut im Nov.-Dez. 2009). Zugleich soll der Frage nachgegangen werden, welche Angebote antike Hafenstädte zeitgenössischen Betrachtern in Bezug auf die Wahrnehmung des Lebensraums Meer und seiner Erschließung durch den Menschen machten. Dabei sollen auch bildliche Zeugnisse in die Betrachtung mit einbezogen werden.
Die Ergebnisse sollen in Form eines Aufsatzes vorgelegt werden, der das Thema keineswegs erschöpfend behandeln kann, sondern zunächst Perspektiven der Beschäftigung mit einem wesentlichen Desiderat antiker Stadtforschung aufzeigen möchte.
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