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Das Hinterland von Heliopolis-Baalbek / Libanon

Im Rahmen des multidisziplinären Projektes zur Stadtentwicklung in Baalbek wird seit 2004 ein Survey im Umland durchgeführt, der die diachrone Erfassung und Untersuchung der ländlichen Siedlungsstruktur und ökonomischen Nutzung des Umlandes zum Ziel hat. Die außergewöhnlich guten Erhaltungsbedingungen besonders im Antilibanon bieten die Möglichkeit, die Siedlungen nicht nur als "Raumhülsen", sondern mit Blick auf die Nutzung von Ressourcen und der Auswirkung von politischer Macht zu erforschen.

Die Frage nach den ökonomischen Grundlagen der Stadt Baalbek, dem antiken Heliopolis, ist in Anbetracht des monumentalen Ausbaus des überregional bedeutenden Hauptheiligtums sowie öffentlicher und privater Bereiche der Stadt in der römischen Kaiserzeit zentral für das Verständnis der Stadtentwicklung. Es zeichnet sich ab, dass seit prähistorischer Zeit die Siedlung vorrangig abhängig von der Entwicklung und dem Ausbau des Hauptheiligtums war, und ihre ökonomischen Ressourcen möglicherweise durch politisch motivierte exogene Finanzierung aufgestockt wurden.

Mit dem Survey-Projekt im Umland wird einerseits untersucht, welche Siedlungssysteme sowie ökonomischen Landnutzungsstrukturen und industriellen Einrichtungen durch die Jahrhunderte zu beobachten sind, und andererseits, in welche regionalen und überregionalen Wege- und Kommunikationsnetzwerke die Stadt und ihr Umland eingebunden sind.

Ein besonderes Augenmerk richtet sich hier auf die verkehrstechnische Erschließung vom Umland in die Stadt hinein: welche Art von Straßen führen letztendlich vom regionalen Wegenetz in die Stadt hinein beziehungsweise durch sie hindurch, und was für andere Straßen und Zugänge in das Umland sind aus der Stadt hinaus festzustellen. Das interne Wegenetz wiederum bietet mit seinen Verkehrsknotenpunkten einen Schlüssel zum Verständnis des urbanistischen Konzeptes der Stadt. Dies sind komplexe Fragen, bei denen einen Austausch mit anderen Projekten des Clusters 3 von großem Nutzen sein wird.

Neben den Fernhandelswegen durch die Beqaa nach Homs, Byblos, Beirut und Damaskus sind die weniger bekannten Verbindungswege durch den Antilibanon wieder stärker in unser Blickfeld gerückt. Dabei handelt es sich jedoch auch um eine Kontaktzone zwischen urbanen und halbsesshaften Bevölkerungselementen, wobei sich letztere besonders in den Vorgebirgen des Antilibanon materiell in siedlungsfernen Tumulusbestattungen und semitroglodyter Wohnbebauung abzuzeichnen scheinen.

Ein neu entdeckter bronze- und eisenzeitlicher Tell von beachtlichen Ausmaßen scheint durch seine Proximität die eher periphere Stellung des Tell Baalbek im vergleichsweise gut bekannten geostrukturellen Siedlungsgeflecht der Beqaa-Ebene zu bestätigen. Überraschend ist hingegen die Entdeckung einer hellenistischen Siedlung, die aufgrund ihrer Lage und Größe möglicherweise ein zeitweiliges politisches Gegengewicht zu dem sakralen Aufstieg Baalbeks gebildet haben könnte.

Die politische und religiöse Bedeutung des urbanen Zentrums ab römischer Zeit spiegelt sich in der Besiedlungsstruktur des direkten Umlandes wider, vor allem aber im diachronen Vergleich der materiellen Ausstattung der ländlichen Siedlungen untereinander sowie mit der Stadt Baalbek. Die Unterschiede in der Größe und dem architektonischen Ausbau der Siedlungen sowie der Menge von Importfunden in den Hauptsiedlungsperioden bietet neue Einblicke in die politische Dynamik und den Wandel in der Abhängigkeit zu dem urbanen Zentrum.

Von besonderem Interesse für das Forschungsprojekt ist nun, inwieweit die verstärkte Siedlungsaktivität in der römischen Kaiserzeit auf politische und sozioökonomische Impulse aus der Stadt Baalbek reagiert, und welche Entwicklung von dieser Siedlungsstruktur zu der ebenfalls bedeutenden mamlukischen Periode zu beobachten ist. Während in der Ebene eindeutig der Getreideanbau den wichtigsten Landwirtschaftssektor darstellt, ist im Vorgebirge neben Feldbau vor allem eine große Dichte an in den Fels gehauenen Pressinstallation zu beobachten, die - komplementär zur Ebene - zusammen mit der Weidehaltung weitere Wirtschaftssektoren abdeckt. Fragen der Landunterteilung werden im direkten Vergleich zur Ebene und bekannten Beispielen von Zenturiation untersucht.

Das Projekt hat auch die Erforschung der geomorphologischen Entwicklung des Naturraumes und den anthropogenen Veränderungen der Landschaft in Bezug auf Vegetation und vor allem Wassernutzung zum Ziel. Dieser Forschungsschwerpunkt wird seit Beginn des Projektes durch eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit einem Geologen verfolgt, und hat die angewandten Surveymethoden entscheidend mitbestimmt. Die Erkenntnisse des archäologischen wie geomorphologischen Surveys basieren neben der Arbeit im Gelände auf Fernerkundung mit Hilfe von hochauflösenden Satellitenbildern und Luftbildern aus nahezu einem Jahrhundert und werden in einem auf das Gesamtprojekt ausgerichteten GIS ausgewertet.

Contact: Dr. Bettina Fischer-Genz M.A. (E-Mail: bf@orient.dainst.de)

zum Projekt: Baalbek

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