Pergamon (3 Subprojects)
Seit mehr als 130 Jahren arbeiten deutsche Archäologen in der hellenistischen Residenzstadt und römischen Metropole an der Westküste der Türkei. Neben der Erforschung des urbanen Gesamtorganismus, der Nekropolen und des Umlands stehen auch Erhalt und Präsentation der Denkmäler im Mittelpunkt der Aktivitäten des Deutschen Archäologischen Instituts.

Pergamon: Stadt und Landschaft

Pergamon gehörte als Herrschersitz der hellenistischen Dynastie der Attaliden und als römische Metropole zu den prominentesten städtischen Zentren der antiken Welt (Abb. 1). Neben ihrer politischen Bedeutung im 3.-1. Jh. v. Chr. war die Stadt ein kulturelles und religiöses Zentrum mit einer bedeutenden Bibliothek, beeindruckenden Bau- und Kunstwerken und dem international frequentierten Heiligtum des Asklepios. Anders als die meisten hellenistischen Residenzstädte wie z. B. Alexandria oder Antiocheia ist Pergamon nicht modern überbaut worden, woraus sich ein besonderes Potential für die archäologische Forschung ergibt. Gleiches gilt für das Umland der Stadt, dessen Erforschung Voraussetzung ist für das Verständnis von Genese und Funktion Pergamons als regionales Zentrum und Mittelpunkt eines Territorialstaates. Über die hellenistische Blütezeit der Stadt hinaus bietet Pergamon die Chance, Stadtkultur im westlichen Anatolien von der Bronzezeit (2. Jt. v. Chr.) bis in die Gegenwart hinein zu untersuchen und als Besucher zu erleben. So haben sich eindrucksvolle Reste der römischen und der byzantinischen Epoche erhalten, und die historische Altstadt (Abb. 2) vereint alle wesentlichen Elemente urbaner Architektur osmanischer Zeit. Dieses breite Spektrum an Forschungsfeldern und Aufgaben im Bereich des Kulturerhalts verlangt nach interdisziplinärer und internationaler Zusammenarbeit, wobei besonders die enge Kooperation mit den Partnern des Gastlandes Türkei im Vordergrund steht.

History

Keramikscherben und Steingeräte belegen die Besiedlung des Stadtberges von Pergamon seit dem 2. Jt. v. Chr., wobei in der Forschung noch umstritten ist, ob die frühesten Befestigungsanlagen bis in die Bronzezeit zurückreichen oder erst in der archaischen Epoche (7.-6. Jh. v. Chr.) entstanden sind. Wie jüngste Untersuchungen im Umland von Pergamon gezeigt haben, reichen die Siedlungsaktivitäten im Tal des Kaikos (Bakır Çay) offenbar bis in das 6. Jt. v. Chr. zurück (Abb. 4).

Wir wissen wenig über die Rolle der Stadt während der Perserherrschaft, doch vermitteln neue Funde in der pergamenischen Landschaft, darunter ein Grabhügel des 4. Jhs. v. Chr. (Abb. 5), ein befestigter Dynastensitz und die Stadtanlage von Atarneus (Abb. 6) ein erstes Bild lokaler Aristokratien unter achämenidischer Oberhoheit. Gegen Ende des 4. Jhs. gerät Pergamon kurz ins Licht der Weltgeschichte, als Barsine, eine Konkubine Alexanders des Großen und Mutter des gemeinsamen Sohnes Herakles, Pergamon zu ihrer Residenz macht und den Athena-Kult ausbaut.

Der Aufstieg der Stadt begann wenig später mit Philetairos, einem General des Diadochen Lysimachos, der sich im frühen 3. Jh. v. Chr. mit der Kriegskasse seines Königs selbständig machte und die Dynastie der Attaliden begründete. Seinen Nachfolgern gelang es in geschicktem Lavieren zwischen den Großmächten der Zeit einen neuen Territorialstaat zu etablieren, der unter Eumens II. (197-159 v. Chr.) seine größte Ausdehnung erreichte. In die Zeit seiner Herrschaft fielen auch zahlreiche architektonische Projekte, so auch die Errichtung des Großen Altars und der Ausbau des ummauerten Stadtgebietes von 21 auf 90 Hektar. Ein wesentlicher Faktor für die steigende Bedeutung Pergamons war seine Nähe zu Rom, der neuen Ordnungsmacht im östlichen Mittelmeerraum. Insofern war es konsequent war, daß Attalos III. sein Reich 133 v. Chr. den Römern testamentarisch vermachte.

Nach einer Episode als Hauptstadt der neu eingerichteten Provinz Asia blieb Pergamon auch unter römischer Herrschaft eine der wichtigsten Metropolen Kleinasiens, verlor jedoch an Bedeutung gegenüber den Hafenstädten und Handelszentren Smyrna und Ephesos. Nach der Ausdehnung der Stadt in die Ebene seit der frühen Kaiserzeit, ist ab der Spätantike und frühbyzantinischen Epoche (Abb. 7) wieder ein Rückzug auf den befestigten Stadtberg zu beobachten. Diese Entwicklung fand in spätbyzantinischer Zeit mit ausgedehnten neuen Mauerringen einen letzten Höhepunkt, bevor Pergamon am Ende des 13. Jhs. eine türkische Stadt wurde und den Namen Bergama annahm. Besonders seit dem späten 19. Jh. entwickelte sich Bergama zu einer multiethnischen Kleinstadt mit griechischen, armenischen und jüdischen Bevölkerungsgruppen, wie sie für viele Städte in der Ostägäis während des ersten Viertels des 20. Jhs. charakteristisch waren. Mittlerweile ist Bergama ein lokales Zentrum, das versucht, den Kulturtourismus zu stärken und damit eine Alternative gegenüber seinen traditionellen wirtschaftlichen Grundlagen in der Landwirtschaft und dem Dienstleistungsgewerbe zu schaffen. Seit 2013 ist Bergama Kandidat für die Aufnahmen in die Welterbeliste der UNESCO.

Research History

Die Reste des antiken Pergamon sind seit dem 15. Jh. in zahlreichen Reiseberichten beschrieben worden (u. a. Cyriacus von Ancona), die seit dem frühen 19. Jh. eine dezidiert wissenschaftliche Zielsetzung verfolgten (Marie-Gabriel Choiseul-Gouffier). Der Beginn systematischer Ausgrabungen in Pergamon liegt nunmehr über 135 Jahre zurück: 1878 begann der deutsche Ingenieur Carl Humann im Auftrag der Königlich Museen zu Berlin mit der Freilegung der Friesplatten des Zeusaltars (Abb. 8), die mit Genehmigung des Osmanischen Reiches nach Berlin verbracht wurden. Die Leitung der Unternehmung lag bei dem Archäologen Alexander Conze, der trotz spektakulärer Skulpturenfunde schon in den ersten Jahren der Pergamongrabung auf eine möglichst vollständige Freilegung und Erforschung des gesamten Stadtkörpers hinwirkte. Diese Arbeiten setzte von 1900 bis 1911 der Architekt und Bauforscher Wilhelm Dörpfeld als Direktor der Abteilung Athen des DAI fort, an das die Pergamongrabung mittlerweile übergegangen war (Abb. 9). Unter seiner Leitung erfolgte die Freilegung u.a. des südlichen Stadttores, der Unteren Agora, des Attalos-Hauses, des Gymnasions und des Demeter-Heiligtums. Nach mehrjähriger Unterbrechung wurden die Arbeiten 1927 unter Theodor Wiegand wiederaufgenommen. Unter seiner Leitung wurde vor allem auf der Oberburg, im Asklepieion und an der Roten Halle gearbeitet.
Die kriegsbedingte Unterbrechung der Pergamongrabung dauerte bis 1957, als unter dem Klassischen Archäologen und Präsidenten des DAI Erich Boehringer die Grabungsarbeiten mit großer Energie und logistischem Aufwand in eine neue Phase eintraten, die bis 1968 dauerte. Boehringers Aufmerksamkeit galt vor allem dem Asklepieion und der (erfolglosen) Suche nach dem Heiligtum der Athena-Nikephoros, die wichtige neue Erkenntnisse zur Vorstadt Pergamons erbracht hat. Daneben bemühte sich Boehringer auch um die Erforschung des Umlandes, u.a. durch einen Survey zur Feststellung prähistorischer Fundplätze.

1971 wurde die Pergamongrabung an Wolfgang Radt übergeben, der die Unternehmung bis 2005 leitete. Ausgehend von neuen siedlungsarchäologischen und sozialhistorischen Fragestellungen widmeten sich Radt und seine Mitarbeiter vor allem der Erforschung der Wohnstadt Pergamons, die in der Freilegung eines reich ausgestatteten hellenistisch-römischen Gebäudekomplexes (Bau Z) gipfelte (Abb. 10. 11). Im Umland der Metropole wurden ein ländliches Heiligtum und die Wasserleitungen Pergamons untersucht. Von 2002-2005 war die Rote Halle, ein kaiserzeitliches Heiligtum in der Altstadt von Bergama, Gegenstand neuer archäologischer und baugeschichtlicher Forschungen (Leitung A. Hoffmann). Unter Wolfgang Radt wurden auch zahlreiche denkmalpflegerische Projekte durchgeführt, darunter die Teilrekonstruktion des Trajaneums (Leitung K. Nohlen; Abb. 12. 13) und die Errichtung eines Schutzgebäudes über Bau Z (Eröffnung 2004; Abb. 10. 11).

Seit 2006 wird die Pergamongrabung von dem Klassischen Archäologen Felix Pirson geleitet, der ein neues Forschungsprogramm zur hellenistischen Stadt als urbanem Gesamtorganismus initiiert hat, das auch die Untersuchung der vorstädtischen Bereiche und der Nekropolen umfaßt. Dieser großräumige Ansatz findet seine Fortsetzung in der Erforschung des Umlandes, die von mehreren Teilprojekten geleistet wird und auch die Rekonstruktion historischer Landschaftsszenarien umfaßt. Das Forschungsprogramm soll 2016 zu einem Abschluß gebracht werden. Parallel dazu werden umfangreiche denkmalpflegerische Maßnahmen durchgeführt, die sich auf die Rote Halle und das Gymnasium konzentrieren.

Topography

Westliche Türkei, 110 km nördlich von İzmir, ca. 30 km von der Küste entfernt, am nördlichen Rand der Ebene des Flusses Bakır Çayı (antik: Kaikos) gelegen (Abb. 3). Heutiger Ort: Bergama (ca. 70.000 Einwohner), am Fuße des Stadtberges des antiken Pergamon. Die antike Siedlung lag auf einem 330 m hohen Gebirgsausläufer (Abb. 1) und war offenbar vom 2. Jt. v. Chr. bis in die späte byzantinische Zeit (14. Jh. n. Chr.) in wechselnder Ausdehnung von Stadtmauern umgeben. Nur in der römischen Kaiserzeit dehnte sie sich auch ohne Stadtmauern in der Ebene, dort wo heute die Stadt Bergama liegt, aus. Südwestlich vor der Stadt liegen die Ruinen des Asklepios-Heiligtums. Im Umland von Pergamon sind zahlreiche weitere antike Siedlungen bekannt, darunter die Orte Perperene, Atarneus und Elaia (Hafenstadt Pergamons).

Research Questions

In der historischen Forschung zum Hellenismus spielt die Frage nach dem Verhältnis zwischen Herrschern und Städten sowie deren Bürgern eine zentrale Rolle. In diesem Zusammenhang kann die Archäologie wichtige Beiträge leisten zum Verständnis der Rolle, die Städtebau und die räumliche Strukturierung des Umlandes in der Ausprägung und Funktion einer hellenistischen Residenzstadt spielten. Dabei geht es sowohl um das Verhältnis zwischen Polis und Herrscher in Pergamon, als auch um die Nutzung älterer Poleis, wie z. B. Elaia und Atarneus, durch die Attaliden. Bei der Beurteilung der komplexen Beziehungsgeflechte sind die Nekropolen und die Funeralkultur ebenso zu berücksichtigen wie die Sakraltopographie und das Verhältnis zwischen städtischen und ländlichen Heiligtümern.

Research Goals

Während die Grabung 1878 mit dem Ziel begonnen wurde, die damals neu bekannt gewordenen Reliefs des »Pergamon-Altars« zu bergen, steht schon seit über 100 Jahren die Erforschung des gesamten antiken Stadtorganismus im Vordergrund. In diesem Rahmen widmet sich das 2005 begonnene Forschungsprogramm der hellenistischen Polis und ihrer Vorstadt (Abb. 14). Unter Anwendung neuer Fragestellungen und Methoden stehen die Datierung von Schlüsselmonumenten der großen hellenistischen Stadterweiterung, die dem pergamenischen Herrscher Eumenes II. (197-159 v. Chr.) zugeschrieben wird, sowie die Rekonstruktion der Besiedlungsgeschichte und des Straßensystems in den unausgegrabenen Bereichen des Stadtberges im Mittelpunkt unserer Aktivitäten (Abb. 15. 16). Hinzu kommt die Analyse von Naturheiligtümern innerhalb des Stadtgebietes als bislang übersehenes Element des kultischen Lebens und der Sakraltopographie, die auf religiöser Ebene Beziehungen zwischen Stadt- und Naturraum herstellten (Abb. 17-22). Mit der Untersuchung der Nekropolen und Grabhügel wird nicht nur Grundlagenforschung in einem defizitären Bereich geleistet, sondern auch ein wichtiges Bindeglied zwischen Stadt und Umland ins Auge gefaßt (Abb. 23-30. Kooperation: S. Verger, EPHS Paris; W. Rabbel, Univ. Kiel). Ein weiterer Schwerpunkt des aktuellen Programms ist die Erforschung der antiken Besiedlungsstruktur der Landschaft von Pergamon und einzelner ausgewählter Poleis (Abb. 3. 6. 31-38. Kooperation: M. Zimmermann, LMU München). Denn antike Städte waren nie autarke Funktionseinheiten, sondern konnten nur in einer wirtschaftlichen, logistischen und militärischen Synthese mit ihrem Umland existieren. Die Beziehungen zwischen der Metropole Pergamon und den benachbarten Poleis wird exemplarisch anhand einer Hafen- und einer Landstadt beleuchtet. Um in diesem Punkt eine besonders breite diachrone Beurteilungsgrundlage zu schaffen, sind die Forschungen im Umland auf die prähistorische Epoche (Abb. 4. 39-41; Kooperation: B. Horejs, OREA Wien) ausgeweitet worden und beziehen mit verschiedenen geoarchäologischen Projekten (Abb. 35. 42-43. Kooperation: H. Brückner, Univ. Köln; B. Schütt, FU Berlin) auch die historischen Umweltverhältnisse mit ein.

Zu den Zielen eines Großprojektes wie der Pergamongrabung zählen immer auch die kontinuierliche Aufarbeitung und Publikation von Altgrabungen und die Neubearbeitung einzelner Denkmäler und Fundkomplexe. Dem neuen Forschungsprogramm entsprechend bilden Anlagen und Befunde der hellenistischen Zeit den aktuellen Arbeitsschwerpunkt, aber es finden ebenso Untersuchungen zu Befunden und Funden aus anderen Epochen statt.

Ein zentrales Anliegen der Pergamongrabung ist schließlich der Schutz und die Präsentation der Baudenkmäler (Abb. 10-13. 44-52). Derzeit bemühen wir uns um eine Verbesserung der Situation im Bereich der Unterstadt des antiken Pergamon, die das Bindeglied zwischen Akropolis und historischer Altstadt darstellt und insofern für die Belange eines anspruchsvollen Kulturtourismus von besonderem Interesse ist. Der Aufwertung der Altstadt als touristisches Ziel dienen auch die umfangreichen Arbeiten in der Roten Halle, die neben der Konservierung des Monuments auch partielle Rekonstruktionen und die Musealisierung umfassen.

Methodology

Die Pergamongrabung ist ein Projekt der archäologischen Stadtforschung, die wegen ihres breiten Spektrums an Fragestellungen multidisziplinär arbeitet. Dabei spielen Ausgrabungen, insbesondere große Flächengrabungen, im Rahmen des aktuellen Forschungsprogramm keine herausragende Rolle. Neben den als stratigraphische Sondagen durchgeführten Grabungen (Abb. 53) stehen gleichbedeutend archäologische Oberflächenerkundungen bzw. Surveys. Sie werden wesentlich bereichert durch geophysikalische Prospektionen (Abb. 27. 54-55. Kooperation: W. Rabbel, Univ. Kiel; Fa. Eastern Atlas, Berlin), die abhängig von der Geländebeschaffenheit und den angewandten Methoden mehr oder weniger präzise Bilder von Mauerstrukturen und anderen anthropogenen Veränderungen im Untergrund liefern können. Geodäsie und Geomatik liefern computergestützte Pläne und 3D-Modelle der Topographie und des erhaltenen Baubestandes, die nicht nur der Darstellung von Gelände und Befunden dienen, sondern auch als Oberflächen eine Geoinformationssystems (Abb. 14-16. 56. Kooperation: Geophysik, KIT Karlsruhe; U. Klein, Hochschule Karlsruhe). Die architektonische Darstellungslehre kommt mit ins Spiel, wenn es um die Erstellung von 3D-Rekonstruktionen einzelner Bauten oder auch der ganzen Stadt geht (Abb. 57. 58; Kooperation D. Lengyel, BTU Cottbus). Die zunehmende Bedeutung der Geowissenschaften für die Archäologie kommt auch in der Einbeziehung von Geographen und Geoarchäologen zum Ausdruck, die durch die Analyse des Geländes, aber auch durch das Abteufen von Bohrkernen, historische Umweltszenarien rekonstruieren und damit die Grundlage für die Interpretation des Mensch-Umwelt-Verhältnisses liefern (Abb. 35. 42-43. Kooperation: H. Brückner, Univ. Köln; B. Schütt, FU Berlin). In diesem Zusammenhang ist auch die Paläoanthropologie zu nennen, die nicht nur Einblicke in den Gesundheitszustand der Menschen erlaubt, sondern z. B. auch in ihre Ernährungsgewohnheiten (Abb. 59. Kooperation: W.-R. Teegen, LMU München). Archäometrische Untersuchungen insbesondere zur Keramik erlauben ein bessere Differenzierung zwischen lokaler Herstellung und deren Organisation, dem Import und der Entstehung von Filialwerkstätten im Umland von Pergamon (Kooperation: G. Schneider, FU Berlin; H. Mommsen, Univ. Bonn; Koç University Istanbul). Während sich die archäologische Bauforschung mit der Dokumentation, Rekonstruktion und Analyse von Architektur aller Epochen beschäftigt, wenden sich Prähistorische, Klassische und Byzantinische Archäologie bestimmten Phasen der Siedlungsgeschichte zu. Epigraphik und Alte Geschichte erweitern das Bild auf Basis schriftlicher Quellen (Abb. 60. Kooperation: H. Müller – V. Walser, DAI AEK München). Spezialdisziplinen wie Wasserbau decken technische Aspekte des antiken Städtebaus ab. Damit wird ein archäologisches Großprojekt wie die Pergamongrabung zu einem internationalen multidisziplinären Forschungszentrum, in dem auf Basis einer reichen, in über 130 Jahren Forschungstätigkeit entstandenen Materialbasis die historischen Phänomene „Stadt und Landschaft“ in großer Detailliertheit und Tiefenschärfe analysiert und interpretiert werden können. Davon nicht zu trennen sind Fragen des Kulturerhalts und des Site Managements, die in der Zusammenarbeit mit Denkmalpflegern und Stadtplanern angegangen werden.

Subprojects

 
Place: Pergamon
Contact: Seçil Tezer
Project Duration: since 1957
Place: Pergamon
Contact: Division of Building Archaeology at the Head Office
Project Duration: 2006 ‐ 2009
Place: Bergama
Contact: Christof Schuler
Project Duration: since 1957

Results

Das 2005 begonnene Forschungsprogramm der Pergamongrabung zur hellenistischen Stadt als Gesamtorganismus und zum Umland kann in seinen fünf Arbeitsbereichen
(1) Besiedlungsstruktur und Straßensystem,
(2) Datierung von Schlüsselmonumenten der großen hellenistischen Stadterweiterung,
(3) Nekropolen,
(4) Sakraltopographie und Felsheiligtümer sowie
(5) Umland wesentliche neue Ergebnisse vorweisen:


(1) Die Untersuchung von Ost- und Westhang des Stadtberges, d. h. den Hauptflächen der großen hellenistischen Stadterweiterung, hat gezeigt, daß der Stadtberg innerhalb des Mauerringes dicht besiedelt war mit Ausnahme der nördlichen Abschnitte beider Hänge (Abb. 15. 16. 61). Dies gilt auch für extrem steile Hanglagen mit Neigungen bis zu 100%. In einzelnen Bereichen setzt die Bebauung allerdings erst im 1. Jh. v. Chr. ein, d. h. etwa einhundert Jahre später als der Beginn der großen hellenistischen Stadterweiterung. Entgegen älterer Rekonstruktionen wurde das Gebiet der Stadterweiterung nicht von einem strengen orthogonalen Raster gegliedert, sondern von einem flexiblen System. Dieses System ist einerseits dem schwierigen Gelände angepaßt und stellte eine optimale Erschließung auch für Fahrzeuge sicher, andererseits setzte es auf die ästhetische Steigerung der spektakulären Topographie durch weitestgehend linear geführte Treppenstraßen und deren Bezugnahme auf prominente Bauwerke wie Gymnasion oder Theaterterrasse (Abb. 62).

(2) Die Datierung von Schlüsselmonumenten der großen hellenistischen Stadterweiterung durch stratigraphische Sondagen hat sich als schwieriger erwiesen als erwartet, was vor allem an der nicht immer ausreichend präzisen Keramikchronologie für das 2. Jh. v. Chr. liegt. Für das Gymnasion scheint sich die Datierung in die erste Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. zu bestätigen (Abb. 62. Kooperation: R. von den Hoff, Univ. Freiburg), während die große hellenistische Stadtbefestigung anhand der Sondagen nur allgemein dem 2. Jh. v. Chr. zugewiesen werden kann. Die Arbeiten an der Unteren Agora (Kooperation: B. Emme, FU Berlin; A. Öztürk, MSU Istanbul) sind noch nicht abgeschlossen; doch zeichnet sich eher eine Entstehung im fortgeschritten Hellenismus ab.

(3) Mit der zufälligen Entdeckung der römischen Südostnekropole (Abb. 23-25) und ihrer noch andauernden systematischen Ausgrabung konnten erstmals Einblicke in Bestattungsformen und Grabrituale im römischen Pergamon gewonnen werden. Hinzu kommen zahlreiche neue Ergebnisse zum Gesundheitszustand und zu den Ernährungsgewohnheiten der antiken Bevölkerung. Die Nachuntersuchung eines von Raubgräbern heimgesuchten Tumulus hat einen ersten Eindruck von einem elitären Bestattungsplatz aus der Frühphase der Herrschaft der Attaliden erbracht (Abb. 28-31). Die Forschungen zu den Nekropolen befinden sich noch in der Anfangsphase und sollen bis 2016 fortgesetzt werden (Abb. 26-27. S. Verger, EPHS Paris; W. Rabbel, Univ. Kiel).

(4) Die Entdeckung von Felsheiligtümern am nördlichen Osthang und wohl auch am Westhang des Stadtberges von Pergamon hat unser Bild von der Sakraltopographie der Stadt grundlegend erweitert (Abb. 17-22). So werden die großen, architektonisch monumentalisierten Kulte der Polis und der Herrscher jetzt von Anlagen kontrastiert, die sich der Verehrung von Naturphänomenen im Stadtraum widmen und ohne eine aufwendige architektonische Fassung auskommen. Das reiche Fundmaterial vor allem des 2.-1. Jhs. v. Chr. läßt nicht nur Rückschlüsse auf die verehrten Gottheiten zu, sondern auch auf die Speise- und Trinkgewohnheiten bei den Kultfeiern. Die innerstädtischen Felsheiligtümer weisen verschiedenartige Bezüge zu Heiligtümern der Meter-Kybele im Umland von Pergamon auf, was darauf schließen läßt, daß solche Anlagen auch bei der Definition und Markierung des städtischen Territoriums eine Rolle spielten.

(5) Die Forschungen im Umland gliedern sich in vier Teilprojekte, von den drei bereits abgeschlossen sind. Ein neues Projekt zum Hafennetzwerk auf der Kane-Halbinsel (Karadağ) soll 2014 beginnen (Kooperation: S. Keay, Univ. Southampton). Die Untersuchungen zur prähistorischen Besiedlung des westlichen Kaikostals (Abb. 4. 39-41; Kooperation: B. Horejs, OREA Wien) konnte mehrere Siedlungsplätze des 6.–2. Jt. v. Chr. nachweisen, von denen einzelne die Funktionen von Zentralorten innehatten. Surveys in der antiken Poleis Atarneus und zur antiken Siedlungsstruktur des westlichen Kaikostals (Abb. 3. 6. 38. Kooperation: M. Zimmermann, LMU) haben ein differenziertes Siedlungsspektrum erbracht, das von einzelnen Gehöften und Dörfern bis zu städtischen Anlagen reicht. Hinzu kommen Festungen und Heiligtümer sowie mehrere Nekropolen. Die Entwicklung des Siedlungsbildes im Hellenismus und der römischen Kaiserzeit ist deutlich vom Aufstieg Pergamons beeinflußt, läßt aber auch Bezüge zu anderen historischen Ereignissen wie z. B. den Mithridatischen Kriegen erkennen. Dank der Einbeziehung von Geographie und Geoarchäologie in alle Projekte des Umlandes wird auch die Bedeutung des Verhältnisses zwischen Mensch und Umwelt für das Verständnis des Siedlungsbildes im Kaikostal deutlich (Abb. 35. 42-43. Kooperation: H. Brückner, Univ. Köln; B. Schütt, FU Berlin). Dies gilt natürlich auch für die Arbeiten in der Hafenstadt Elaia und ihrem Umland (Abb. 31-37). Dort konnte gezeigt werden, wie eine autonome Poleis gemäß der Bedürfnisse Pergamons und der Attaliden zum Wirtschafts- und Militärstützpunkt ausgebaut wurde. Daneben tritt die Umweltgeschichte als prägender Faktor für Aufstieg und Fall Elaias ins Bewußtsein, die uns Phänomene wie Verlandung der Häfen und Erosion, aber auch Renaturierung rekonstruieren läßt.

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