Der Şekerhane Köşkü in Selinus
In der westkilikischen antiken Hafenstadt Selinus befindet sich ein in der römischen Kaiserzeit errichteter Gebäudekomplex, der heute Şekerhane Köşkü genannt wird. Er wurde möglicherweise als Kenotaph für Kaiser Traian erbaut, im Mittelalter jedoch von den Seldschuken umgenutzt und baulich verändert.

Der Şekerhane Köşkü in Selinus. Bauhistorische Untersuchungen zu dem vermuteten Kenotaph des Kaisers Traian

In Selinus, einer im westlichen Rauen Kilikien gelegenen kleinen Hafenstadt, die in der Antike eine gewisse lokale Bedeutung innehatte, befindet sich die Bauanlage des Şekerhane Köşkü. Es handelt sich dabei um einen zentralen, ehemals zweigeschossigen, Baukörper, der in der römischen Kaiserzeit errichtet und im frühen 13. Jh. n. Chr. von den Seldschuken umgebaut wurde, und der als ein flacher, sehr massiv wirkender Bau in einem allseitig von den Überresten von Säulenhallen umgebenen weitläufigen Hof liegt. Die Bauanlage fällt im lokalen und regionalen Kontext aus verschiedenen Gründen – darunter ihre schiere Größe, ihr Baumaterial, ihre Bautechnik, die ornamentale Gestaltung und die sehr qualitätvolle Ausführung – besonders ins Auge. Bereits im frühen 19. Jh. n. Chr. wurde der Şekerhane Köşkü mit einem möglicherweise für Traian errichteten Kenotaph in Verbindung gebracht. Obwohl weder durch antike Quellen, noch durch Inschriften die Existenz eines solchen Monuments überliefert wurde, ist durchaus vorstellbar, dass dieses sehr bedeutende historische Ereignis in Selinus, das darüber hinaus für eine gewisse Zeit den Namen Traianopolis trug, durch einen solchen Bau manifestiert wurde.
Das Projekt – eine Kooperation zwischen dem Archäologischen Museum Alanya und der Abteilung Istanbul sowie dem Architekturreferat des DAI – beschäftigt sich mit einer umfassenden bauhistorischen Untersuchung der Bauanlage des Şekerhane Köşkü. Diese dient als Grundlage für eine Rekonstruktion der ursprünglichen Konzeption und Gestalt der Bauten und zur Klärung ihrer Zweckbestimmung zur Erbauungszeit.

History

Das westliche Raue Kilikien stellte in der Antike eine recht abgelegene Region dar, die hauptsächlich auf dem Seeweg erschlossen wurde. Selinus erlangte als Hafenstadt eine gewisse lokale Bedeutung. Ins Blickfeld der Geschichte trat die Stadt allerdings erst, als hier – nach Auskunft des Cassius Dio (LXVIII 33) – im August 117 n. Chr. der römische Kaiser Traian verstarb. Er musste wegen seines schlechten Gesundheitszustandes einen Feldzug gegen die Parther abbrechen und war auf dem Rückweg von Syrien nach Rom in Selinus zwischengelandet. Nach seinem überraschenden Tod wurde er hier verbrannt, seine Asche nach Rom überführt und dort auf dem Traiansforum beigesetzt. Wie durch zahlreiche Münzfunde belegt wird, wurde die Stadt Selinus in der Folge dieses bedeutenden Ereignisses für einige Zeit Traianopolis genannt. Die weitere Stadtgeschichte findet kaum Erwähnung in der antiken Geschichtsschreibung und bleibt somit weitgehend im Dunkeln.

Im frühen 13. Jh. n. Chr. wurden die Überreste des im Rahmen des Projekts untersuchten kaiserzeitlichen Gebäudekomplexes in Selinus von den Seldschuken, die von ihrem Kerngebiet im anatolischen Hochland aus kurz zuvor die Südküste erobert hatten, umgebaut und bei ihren Reisen entlang der Küste neu genutzt. Der heutige Name des Bauwerks bezieht sich auf diese Nutzungsphase. ‚Şekerhane Köşkü‘ ist der in die türkische Sprache übertragene arabische Begriff für ‚Jagdschlösschen‘ oder ‚Jagdpavillon‘.

Research History

Nur wenige der Forschungsreisenden des 18. und 19. Jh. n. Chr. besuchten das schwer zu bereisende, von den Hauptrouten abgelegene westliche Raue Kilikien. In Selinus dokumentierten sie hauptsächlich im Stadtgebiet aufgefundene Inschriften und die als kunstvoll angesehenen Stücke der Bauornamentik und -plastik des Şekerhane Köşkü, kaum jedoch dessen gesamte Gebäudestruktur und ihre stadträumliche Einbindung.

Im Jahr 1812 kam Francis Beaufort, Admiral der britischen Krone, der die türkische Südküste kartierte, in Begleitung des Architekten Charles Robert Cockerell nach Selinus. Sie waren beeindruckt vom Şekerhane Köşkü und den weitläufigen, in damaliger Zeit noch deutlich besser erhaltenen, ihn umgebenden Säulenhallen und deuteten die Anlage als „Mausoleum“ bzw. Kenotaph des Traian (Beaufort 1818; Cockerell 1903). Damit lösten sie eine bis heute andauernde kontrovers geführte Debatte zum tatsächlichen Zweck des Gebäudes aus, die in der unterschiedlichen Erscheinungsweise des zentral im Hof liegenden Baukörpers und der ihn umgebenden Portiken begründet liegt. Die Ursache dafür sind zwei Bau- und Nutzungsphasen der Anlage. Während Einigkeit darüber herrschte, dass die Säulenhallen antiken Ursprungs sind, weisen die Interpretationen des zentralen Hauptbaus durch sein mittelalterliches äußeres Erscheinungsbild ein breites Spektrum auf, darunter ein mittelalterlicher Han (Heberdey – Wilhelm 1896), ein Befestigungsturm (Hellenkemper – Hild 1990) oder eine antike Zisterne (Paribeni – Romanelli 1914).
1963–65 erfolgte ein erster siedlungsarchäologischer Survey mit Erstellung eines topographisch-architektonischen Gesamtplans der obertägig sichtbaren Baureste von Selinus durch Rosenbaum und ihr Team (Rosenbaum et al. 1967). Redford untersuchte Ende der 1990er Jahre die seldschukischen Bau- und Gartenanlagen im Raum Alanya sowie die Bedeutung von Landschaftsraum und Natur für die Seldschuken. Den Baukomplex in Selinus erkannte er als ein im Kern erhaltenes antikes Gebäude, das zu einem der seldschukischen Palast-Garten-Komplexe umgebaut wurde, die von der damaligen Regierungselite hauptsächlich zu Jagd und Gartenbau genutzt worden waren (Redford 2000).

Der Şekerhane Köşkü ist also sowohl der römischen Antike als auch der Zeit der Seldschuken zuzuschreiben. In der mittelalterlichen Außenhülle ist ein aus der römischen Kaiserzeit stammender Kernbau enthalten, der von den Seldschuken unter Verwendung antiken Baumaterials lediglich ummantelt wurde. Trotz dieser Erkenntnis war eine systematische Erfassung und Untersuchung der erhaltenen Baureste des Şekerhane Köşkü und seiner Umgebung als Ausgangspunkt für ihre architekturhistorische und kulturgeschichtliche Einordnung bislang fehlend.
In diesem Kontext wurden im Jahr 2003 archäologische Untersuchungen des Gebäudekomplexes durch das Archäologische Museum Alanya begonnen. Die unter der Leitung von İsmail Karamut und Seher Türkmen durchgeführten Arbeiten brachten bemerkenswerte Fragmente des bauplastischen Dekors zu Tage und warfen ein neues Licht auf die architektonische Qualität des antiken Bauwerks. Unter anderem zeigte sich, dass auf der Plattform des eingeschossigen Gebäudes, das als Podium bezeichnet werden kann, die unterste Steinlage eines tempelartigen Aufbaus komplett in situ erhalten ist. Die durch die Arbeiten des Museums Alanya gewonnenen Erkenntnisse rücken die ursprüngliche Deutung des Şekerhane Köşkü durch Beaufort und Cockerell in ein neues Licht.
Diese Ergebnisse führten schließlich 2005 zu einem Kooperationsprojekt des Archäologischen Museums Alanya mit der Abteilung Istanbul und dem Architekturreferat des DAI, das der bauforscherischen Untersuchung des Şekerhane Köşkü gewidmet ist und unter der Leitung von Adolf Hoffmann und der örtlichen Leitung der Arbeiten sowie der Auswertung der Ergebnisse durch Claudia Winterstein durchgeführt wird.

Das Ende der Laufzeit des Projekts ist 2016.

Topography

Selinus liegt an der türkischen Südküste auf dem Gebiet der modernen Kreisstadt Gazipaşa etwa 50 km südöstlich von Alanya (Provinz Antalya). In römischer Zeit stellte die Gegend um Selinus den westlichsten Teil der antiken Landschaft Cilicia Aspera (Raues Kilikien) dar. Die Region ist stark geprägt durch die raue Gebirgslandschaft des Taurus, der sich hier bis an die Meeresküste heranschiebt. Selinus befindet sich in einer der Schwemmebenen, die sich vereinzelt zwischen dem Gebirge und der Küste ausbreiten.
In der recht ausgedehnten Ebene von Gazipaşa bilden einige dem Taurus westlich vorgelagerte Berge markante Punkte. Besonders der Stadtberg von Selinus fällt durch seine charakteristische Form als Landmarke ins Auge. Zum offenen Meer hin bildet er ein steiles Kliff, nach Nordosten zum Landesinneren hin fällt er sanft in Richtung des Flusses Hacımusa Çayı ab, der im Taurus entspringt und hier ins Meer mündet.

Das vorrömische Selinus lag vermutlich auf der Spitze und dem Hang des Stadtberges. Im 1. und 2. Jh. n. Chr. wurde die Stadt in die Ebene erweitert und bedeckte nun auch den schmalen Geländestreifen zwischen dem Fuß des Berges und dem Fluss, der in der Antike ebenfalls den Namen Selinus trug.
Die Bauanlage des Şekerhane Köşkü liegt in diesem ebenen Bereich zwischen den erhaltenen Überresten der Agora, eines Thermenkomplexes und des Odeions im Westen sowie der Nekropole mit ihren zahlreichen Grabhäusern im Osten. Die Anlage, die sich über beinahe die gesamte Tiefe der zur Verfügung stehenden ebenen Fläche ausdehnte, fällt allein schon durch ihre Größe im städtebaulichen Kontext besonders ins Auge.

Research Goals

Gegenstand des Forschungsvorhabens ist die Bauanlage des Şekerhane Köşkü im Kontext römischer Memorialarchitektur. Ziel des Projektes ist es, aus der umfassenden bauforscherischen Bearbeitung des Monuments, ergänzt durch naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden sowie durch vergleichende Betrachtungen, Rekonstruktionsvorschläge für seine ursprüngliche Gestalt und seine Zweckbestimmung zu entwickeln. Darüber hinaus ist die räumliche Einbindung des Baukomplexes in den städtebaulichen und naturräumlichen Gesamtkontext zu klären. Der These, dass der Bau als Kenotaph Traians errichtet wurde, soll nachgegangen, diese soweit möglich verifiziert oder widerlegt werden. Des Weiteren soll eine vergleichende Einordnung des antiken, dem Kaiser zugeordneten, Gebäudes in die Tradition römischer Memorialarchitektur mögliche Vorläufer aufzeigen. Darüber hinaus wird untersucht, inwieweit der kaiserliche Bau als Impulsgeber für die regionale Architekturentwicklung diente. Die systematische Aufarbeitung aller Befunde soll schließlich in einer architekturhistorischen und kulturgeschichtlichen Einordnung der Bauanlage münden.

Methodology

Im Herbst 2005 konnte in einer ersten Feldforschungskampagne in Selinus in Zusammenarbeit mit dem Geodätischen Institut der Universität Karlsruhe (TH) – heute: Karlsruher Institut für Technologie, KIT – ein geodätisches Netz eingerichtet werden, das als Grundlage für die dreidimensionale Erfassung der topographischen und baulichen Befunde diente und das in einem späteren Schritt in das staatliche Referenzsystem überführt wurde, wodurch die Dokumentation nun georeferenziert und internationalen Standards entsprechend vorliegt.
Darauf aufbauend wurde in mehreren Arbeitskampagnen und mit Unterstützung von Studierenden des Instituts für Baugeschichte der Universität Karlsruhe (TH) eine verformungstreue steingerechte Bauaufnahme der Baubefunde durchgeführt. Wegen der hohen Dichte an erhaltenen Details erfolgte die Aufnahme des zentralen Baukörpers im Maßstab 1:20, die der erhaltenen Überreste der umlaufenden Portiken im Maßstab 1:50. Einzelne Details der Bauornamentik wurden im Maßstab 1:10 bzw. 1:5 erfasst. Zum Einsatz kam hierbei ein breites Spektrum an Arbeitsmethoden der Bauforschung: von elektrooptischer Tachymetrie über Photogrammetrie mit Hilfe entzerrter Orthobilder bis zum klassischen Handaufmaß. Daneben wurden sämtliche baulichen Befunde beschrieben und fotografisch dokumentiert.
Ferner konnten in Zusammenarbeit mit Archäologen des Museums Alanya einige Sondagen an den Fundamenten des zentralen Baukörpers und im Bereich der Portiken durchgeführt werden, die zur Klärung baulicher Zusammenhänge beitrugen und vertiefende Erkenntnisse zur Bauanlage erbrachten.

Neben der Arbeit in Selinus selbst wurden die zum Gebäudekomplex gehörenden Architekturfragmente in den Depotbeständen des Archäologischen Museums Alanya untersucht. Dazu gehören neben Fragmenten der Bauornamentik auch Stücke einer reichen Bauskulptur, die zu zwei Relieffriesen in unterschiedlichen Darstellungsmaßstäben gehören. Die rund 500 Stücke aus Selinus wurden vollständig in einem Bauteilkatalog erfasst, einige aussagekräftige Stücke wurden im Maßstab 1:2 gezeichnet. Zum überwiegenden Teil handelt es sich bei den Architekturfragmenten des Şekerhane Köşkü um kleine und kleinste Bruchstücke der verschiedenen Bauglieder, die in ihrer Gesamtheit dennoch klare Rückschlüsse auf den Aufbau und die Dekoration des kaiserzeitlichen Baus zulassen.
Auf der Grundlage der Ergebnisse der Bauaufnahme entstand im weiteren Projektverlauf ein digitales 3D-Bestandsmodell der Topographie und der Bauanlage des Şekerhane Köşkü, das zugleich als Arbeitsmodell für die Erstellung und die Überprüfung von Rekonstruktionsvorschlägen dient.

Die bis Herbst 2007 erfolgten bauforscherischen Arbeiten machten deutlich, dass eine isolierte Betrachtung des Baukomplexes des Şekerhane Köşkü – trotz der gewonnenen Erkenntnisse zum Erscheinungsbild der Anlage – unzureichend ist. Für die Interpretation ihrer Funktion und ihrer Nutzung sind darüber hinaus sowohl die räumliche Eingliederung in den städtebaulichen und topographischen Gesamtkontext sowie ihre Anbindung an die benachbarte ausgedehnte Nekropole im Osten und die Großbauten des Stadtzentrums im Westen von besonderem Interesse. Da Untersuchungen zur Struktur der Stadt Selinus und zu den im Gelände erhaltenen Einzelbauten bislang jedoch ein Desiderat darstellen, das im Rahmen des Projekts mit bauforscherischen Mitteln nicht behoben werden kann, wurden zur Erforschung des Umfeldes des Untersuchungsschwerpunktes naturwissenschaftliche Methoden herangezogen. Für die finanzielle Förderung dieser Arbeiten sei an dieser Stelle der Fritz-Thyssen-Stiftung ausdrücklich gedankt.

Im Sommer 2008 wurden in Zusammenarbeit mit Harald Stümpel vom Institut für Geowissenschaften der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel geophysikalische Prospektionen in der Hofanlage und im heutzutage landwirtschaftlich genutzten Umfeld des Şekerhane Köşkü durchgeführt, um Aussagen zu heute an der Geländeoberfläche nicht mehr sichtbaren Gebäuden und ganz allgemein zur urbanen Struktur von Selinus zu erlangen.
Mit einer abschließenden Feldkampagne im Sommer 2009 wurde das Projekt zudem um geoarchäologische Untersuchungen ergänzt, die in Kooperation mit Helmut Brückner vom Fachbereich Geographie der Philipps-Universität Marburg durchgeführt wurden. Die Prospektion im Umfeld des Şekerhane Köşkü diente in erster Linie der Rekonstruktion des antiken Küstenverlaufs sowie der Erforschung der Lage und Beschaffenheit des Hafens der Stadt, womit der Bezug der Bauanlage zum Wasser geklärt werden sollte. Dazu wurden in und um das antike Selinus 18 Bohrungen abgeteuft, die in zwei Transekten angelegt sind, eines parallel, eines senkrecht zur heutigen Küstenlinie verlaufend. Die aus den Bohrkernen entnommenen Proben wurden im Anschluss an die Feldkampagne von Anja Anklamm im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Philipps-Universität Marburg analysiert („Geoarchäologische Studie zu Selinus (Südtürkei) im Bereich des vermuteten Kenotaphs des römischen Kaisers Trajan“).

Darüber hinaus erfolgte an der Forschungs- und Materialprüfanstalt der BTU Cottbus durch Klaus-Jürgen Hünger eine Analyse mehrerer Mörtelproben aus Selinus. Durch die mineralogische Charakterisierung der Proben konnten Gruppen von Mörteln ähnlicher Zusammensetzung gebildet werden, die es erlauben, Rückschlüsse auf bauliche Zusammenhänge zu ziehen.
Eine Analyse von Gesteinsproben des Baumaterials der antiken Anlage erfolgte durch Vilma Gedzeviciute (Julius-Maximilians-Universität Würzburg) und Donato Attanasio (Istituto di Struttura della Materia, Consiglio Nazionale delle Ricerche, Rom). Die Proben wurden dabei verschiedenen Untersuchungsmethoden unterzogen, einerseits der Isotopenanalyse, andererseits der Elektronenspinresonanz-Spektroskopie, wodurch entscheidende Erkenntnisse zur Herkunft des Materials gewonnen werden konnten.

Results

Die detaillierte Bauaufnahme, auf deren Grundlage Bauphasenpläne entwickelt wurden, bestätigte Redfords Annahme, dass es sich beim Şekerhane Köşkü um einen kaiserzeitlichen Gebäudekomplex handelt, der in seldschukischer Zeit unter Verwendung des antiken Baumaterials umgebaut wurde. Auf der Plattform des ehemals zweigeschossigen zentralen Baukörpers haben sich von den Aufbauten seldschukischer und römischer Zeit zwar nur wenige, für den antiken Bau jedoch sehr aussagekräftige Baureste erhalten. Die Beobachtungen ergaben, dass auf dem einst offenbar geschlossenen, in zwei überwölbte Räume gegliederten Unterbau ein tempelartiges Gebäude mit einer Cella und einer tiefen Säulenvorhalle gestanden hat. Durch die Beschäftigung mit den zum Bau gehörenden Architekturfragmenten konnten zahlreiche Detailerkenntnisse zur ursprünglichen Gestalt und Dekoration der kaiserzeitlichen Bauanlage gewonnen werden, wie z. B. der Aufbau des Kranzgesimses des zentralen Hauptbaus. Die Sondagen erbrachten Belege für eine ehemals vorhandene monumentale Freitreppe, die dem antiken Bau an seiner Nordseite vorgelagert war und in späterer Zeit bis auf die Fundamente abgetragen wurde. Darüber hinaus wurden durch die Sondagen zahlreiche Details zur Erschließung der Gesamtanlage und zum Aufbau der umgebenden Säulenhallen gewonnen. Im südlichen Hofbereich konnte beispielsweise die Eckausbildung zwischen südlicher und östlicher Halle sowie der Übergang vom Hof in die Portiken und deren Ausstattung in Form von marmornen Inkrustationen gefasst werden. Die Analyse der Gesteinsproben erbrachte in diesem Zusammenhang, dass für die Errichtung bzw. Ausstattung des kaiserzeitlichen Monuments zweifelsfrei Importmarmor in das westkilikische Selinus verbracht wurde.
Eine weitere Sondage an der Außenwand der nördlichen Halle brachte die Überreste des in die Hofanlage führenden Eingangstores zutage. Außerdem zeigte sich, dass hier entlang der gesamten Außenseite der Bauanlage ein breiter befestigter Bereich verläuft. Im Zusammenspiel mit einer einige Meter nördlich dazu parallel verlaufenden, äußerst mächtigen Mauer, die an einem Geländeversprung zum heutigen Fluss hin liegt, ergibt sich damit eine der Bauanlage des Şekerhane Köşkü vorgelagerte Terrasse bzw. eine Art Vorplatz. Die Ergebnisse der Mörtelanalysen zeigen unter anderem, dass diese Uferbefestigungsmauer zeitlich in die römische Bauphase eingeordnet werden kann und somit Bestandteil der räumlichen Gestaltung des ursprünglichen, kaiserzeitlichen Komplexes ist.

Die geophysikalische Prospektion erbrachte sowohl mittels Geomagnetik als auch mittels Georadar aussagekräftige Ergebnisse zu bislang ungeklärten baulichen Details und zur städtebaulichen Situation. Unter anderem gibt es durch diese Untersuchungen Hinweise auf eine bis dahin unbekannte massive Struktur, die vor der Eingangsfassade des zentralen Baukörpers in axialem Bezug zu dem in der Nordportikus liegenden Eingangstores liegt. Dieser Befund deutet stark auf die ehemalige Existenz eines Altars an dieser Stelle hin. Im Hinblick auf die urbane Struktur von Selinus erbrachten die geophysikalischen Untersuchungen erfreulich deutliche Ergebnisse die zeigen, dass der Baukomplex des Şekerhane Köşkü in der antiken Stadt eine Gelenkfunktion zwischen dem dicht bebauten Stadtzentrum westlich der Anlage und der Nekropole mit umgebenden Freiflächen im Osten einnahm.
Die geoarchäologischen Untersuchungen zeigten darüber hinaus, dass im Bereich der heutigen Schwemmebene von Gazipaşa die maximale Transgression des Meeres im 5. Jahrtausend v. Chr. stattgefunden hatte. Die Stadt Selinus wurde auf dem Burgberg und auf einer alten Flussterrasse errichtet. Während der römischen Kaiserzeit lag die Küstenlinie zwar einige Meter weiter im Landesinneren als heute, die Bauanlage des Şekerhane Köşkü lag aber dennoch nicht direkt am Meer, sondern grenzte im Norden an eine weitverzweigte Flussauenlandschaft, die nahezu die gesamte Ebene einnahm. Da kein antikes Hafenbecken lokalisiert werden konnte, muss davon ausgegangen werden, dass es sich in Selinus um einen Flusshafen handelte.

Auf der Grundlage der im Projekt gewonnenen Erkenntnisse ergibt sich für die Rekonstruktion der kaiserzeitlichen Entstehungsphase des Şekerhane Köşkü nun folgendes Bild: Auf einem außergewöhnlich hohen Podium erhob sich ein in weißlichem Marmor ausgeführter tempelartiger Aufbau korinthischer Ordnung. Dieser kann als viersäuliger Prostylos, bestehend aus Cella und Pronaos, bezeichnet werden. In Verlängerung der kurzen Anten der Cellawände gab ein weiteres Säulenpaar dem Pronaos eine größere Tiefe. Der Prostylos wurde über eine vorgelagerte Freitreppe vom Hofniveau aus erschlossen. Im Inneren des Podiums befanden sich unter Cella und Pronaos zwei große tonnenüberwölbte Räume, von denen der hintere aufwendig mittels mehrerer Lichtschächte belichtet wurde. Ein enges mehrläufiges Treppenhaus verband die Cella mit diesem Raum. Der Bau stand etwas außermittig in einer weiten Hofanlage, die an allen vier Seiten von Portiken umgeben war und die über ein einzelnes Tor von Norden her erschlossen wurde. Der Bauanlage war eine weite, unbebaute Freifläche vorgelagert, die direkt an die die Auenlandschaft des Flusses Selinus begrenzende Uferbefestigungsmauer anschloss. Insgesamt dürfte die kaiserzeitliche Bauanlage durch ihre Lage am Wasser und vor der Kulisse des in ihrem Hintergrund steil ansteigenden Burgberges ein eindrucksvolles Gesamtbild im naturräumlichen und städtebaulichen Gefüge der Stadt abgegeben haben.
Insgesamt fällt bei der Konzeption und der Gestaltung des kaiserzeitlichen Komplexes ein hoher Anspruch auf, der sich unter anderem auch in den außerordentlich qualitätvoll gearbeiteten marmornen Bauteilen widerspiegelt. Dem ausgedehnten Gebäudekomplex mit seinen umlaufenden Hallen kommt in der ansonsten vergleichsweise bescheiden anmutenden Architektur Westkilikiens dabei eine herausragende Stellung zu, die dem vermuteten Zweck jedoch vollkommen angemessen erscheint.
Um der Frage weiter nachzugehen, ob es sich beim ursprünglichen Zweck der Bauanlage um ein Kenotaph bzw. ein Memorialbau Traians gehandelt haben könnte, ist jedoch eine möglichst exakte Datierung der Erbauung entscheidend. Dies erwies sich allerdings als recht schwierig, da es weder Inschriften oder antike Schriftquellen gibt, die sich auf den Bau beziehen, noch eindeutig datierende Kleinfunde. Erfreulicherweise lieferte die stilkritische Analyse der Bauornamentik und der zum Bau gehörenden figürlichen Reliefs jedoch entscheidende Anhaltspunkte zur Datierung, die das Gesamtbild vielversprechend ergänzen. Daneben sollte das tempelartige Erscheinungsbild des kaiserzeitlichen Vorläufers des Şekerhane Köşkü nicht zwangsläufig als Widerspruch zu der These gewertet werden, dass die Bauanlage als Kenotaph Traians errichtet wurde. Eine Untersuchung relevanter Vergleichsbauten zeigte, dass sich innerhalb der Architekturgeschichte für die Bauaufgabe ‚Kenotaph’ kein fester Typus herausgebildet hat, sondern die derartig bezeichneten Gebäude je nach Repräsentationsvorstellungen der jeweiligen Zeit und der Auftraggeber ganz unterschiedliche Formen annehmen können.