Osmanische Holzhäuser in Istanbul
Noch bis vor etwa 100 Jahren war Istanbul eine überwiegend 'hölzerne Stadt'. Dramatische geopolitische und gesellschaftliche Veränderungen, Wechsel der städtebaulichen und architektonischen Paradigmen und der Einbruch der Moderne haben jedoch im Verlauf des 20. Jhs. zu einem rücksichtslosen Verdrängungsprozeß geführt, der nur noch geringe Reste dieser Bauten und ihrer materielle Kultur übrig ließ. Größere 'Reservate' an Holzhäusern gibt es nur noch auf den Prinzeninseln und an den Ufern des Bosporus. Das DAI untersucht seit über 50 Jahren die ungeheure Bandbreite an Bautypen und Dekorationsformen der traditionellen Holzhäuser der Metropole in umfangreichen Dokumentationsarbeiten.

Osmanische Holzhäuser in Istanbul. Forschungen zur Istanbuler Stadttopographie

Die Untersuchungen zu den Istanbuler Holzhäusern begannen mit sporadischen Dokumentationen einzelner Objekte ab den 1960er Jahren. Ende der 1970er Jahre wurden die Arbeiten stark intensiviert und auf ein ganzes Altstadtquartier ausgedehnt. Das Viertel um die Pantokratorkirche zählte schon damals zu den letzten Refugien der osmanischen Holzhäuser. Parallel zu den Arbeiten in Zeyrek wurden damals auch zahlreiche andere Holzhäuser der Metropole dokumentiert. Nach einer Zäsur wurden die Arbeiten ab der Jahrtausendwende wieder aufgenommen und zunächst auf die Uferbereiche des Bosporus konzentriert. Auch die Prinzeninseln konnten mit mehreren Objekten in das Forschungsspektrum einbezogen werden. Damit sind zwei wichtige Bereiche des historischen Großraums der Metropole im Visier dieses Projekts. Aber auch die Untersuchungen in Zeyrek konnten im Rahmen einer Archivierung und Auswertung der älteren Befunden wieder aufgenommen werden. Somit bewegen sich die aktuellen Forschungen zu den Istanbuler Holzhäusern auf drei Strängen:
Der Bosporus ist nicht nur trennendes Element der Istanbuler Topografie, sondern auch ein maritimer Stadtboulevard mit stark repräsentativen Konnotationen. Entsprechend wurden die beiderseitigen Ufer schon früh mit Sommerhäusern besetzt, die eigene typologische Charakteristika ausprägten, die sogenannten yalıs. Nur eines dieser Gebäude aus dem 17. Jh. ist noch erhalten, das berühmte Amcazade Yalısı. Es konnte als Inkunabel des Istanbuler Holzbaus ebenso in die Forschungen einbezogen werden wie das Sadullah Paşa Yalısı aus dem 18. Jh. Viele der historischen Sommerhäuser der osmanischen Eliten fielen schon im 19. Jh. einem Paradigmenwechsel zum Opfer, der an ihre Stelle stärker europäisch geprägte Villen in einem internationalen Architekturstil setzte. Ein Beispiel dafür ist die ebenfalls untersuchte historische Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya.
Die Prinzeninseln waren als Archipel vor den Toren der Stadt schon in früheren Zeiten ein beliebtes Ausflugsziel, ehe sich im 19. Jh.ein regelrechter Touristenverkehr etablierte. Vorwiegend die christlichen Minderheiten, Griechen und Armenier, bauten sich hier Sommerhäuser, die sich von den osmanischen Bautraditionen lösten und mitunter in experimenteller Weise eigene Wege gingen. Sie sind ein wichtiger Beleg der kosmopolitischen Atmosphäre des Istanbuls der Belle Époque. Insgesamt vier dieser Gebäude konnten bisher dokumentiert werden, darunter zwei bemerkenswerte Doppelhäuser.
In den 1970er Jahren waren in der Altstadt Istanbuls noch vier größere Stadtquartiere mit traditionellen Holzhäusern verblieben. Eines von ihnen, Zeyrek, war Gegenstand der beschriebenen, flächendeckenden Dokumentation von 1978-1980. Die Auswertung dieser Untersuchungen und die neue Interpretation der Zeitschichten von Zeyrek ist der dritte dieser Forschungsstränge zur Istanbuler Stadttopografie.

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