Osmanische Holzhäuser in Istanbul
Noch bis vor etwa 100 Jahren war Istanbul eine überwiegend 'hölzerne Stadt'. Dramatische geopolitische und gesellschaftliche Veränderungen, Wechsel der städtebaulichen und architektonischen Paradigmen und der Einbruch der Moderne haben jedoch im Verlauf des 20. Jhs. zu einem rücksichtslosen Verdrängungsprozeß geführt, der nur noch geringe Reste dieser Bauten und ihrer materielle Kultur übrig ließ. Größere 'Reservate' an Holzhäusern gibt es nur noch auf den Prinzeninseln und an den Ufern des Bosporus. Das DAI untersucht seit über 50 Jahren die ungeheure Bandbreite an Bautypen und Dekorationsformen der traditionellen Holzhäuser der Metropole in umfangreichen Dokumentationsarbeiten.

Osmanische Holzhäuser in Istanbul. Forschungen zur Istanbuler Stadttopographie

Die Untersuchungen zu den Istanbuler Holzhäusern begannen mit sporadischen Dokumentationen einzelner Objekte ab den 1960er Jahren. Ende der 1970er Jahre wurden die Arbeiten stark intensiviert und auf ein ganzes Altstadtquartier ausgedehnt. Das Viertel um die Pantokratorkirche zählte schon damals zu den letzten Refugien der osmanischen Holzhäuser. Parallel zu den Arbeiten in Zeyrek wurden damals auch zahlreiche andere Holzhäuser der Metropole dokumentiert. Nach einer Zäsur wurden die Arbeiten ab der Jahrtausendwende wieder aufgenommen und zunächst auf die Uferbereiche des Bosporus konzentriert. Auch die Prinzeninseln konnten mit mehreren Objekten in das Forschungsspektrum einbezogen werden. Damit sind zwei wichtige Bereiche des historischen Großraums der Metropole im Visier dieses Projekts. Aber auch die Untersuchungen in Zeyrek konnten im Rahmen einer Archivierung und Auswertung der älteren Befunden wieder aufgenommen werden. Somit bewegen sich die aktuellen Forschungen zu den Istanbuler Holzhäusern auf drei Strängen:
Der Bosporus ist nicht nur trennendes Element der Istanbuler Topografie, sondern auch ein maritimer Stadtboulevard mit stark repräsentativen Konnotationen. Entsprechend wurden die beiderseitigen Ufer schon früh mit Sommerhäusern besetzt, die eigene typologische Charakteristika ausprägten, die sogenannten yalıs. Nur eines dieser Gebäude aus dem 17. Jh. ist noch erhalten, das berühmte Amcazade Yalısı. Es konnte als Inkunabel des Istanbuler Holzbaus ebenso in die Forschungen einbezogen werden wie das Sadullah Paşa Yalısı aus dem 18. Jh. Viele der historischen Sommerhäuser der osmanischen Eliten fielen schon im 19. Jh. einem Paradigmenwechsel zum Opfer, der an ihre Stelle stärker europäisch geprägte Villen in einem internationalen Architekturstil setzte. Ein Beispiel dafür ist die ebenfalls untersuchte historische Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya.
Die Prinzeninseln waren als Archipel vor den Toren der Stadt schon in früheren Zeiten ein beliebtes Ausflugsziel, ehe sich im 19. Jh.ein regelrechter Touristenverkehr etablierte. Vorwiegend die christlichen Minderheiten, Griechen und Armenier, bauten sich hier Sommerhäuser, die sich von den osmanischen Bautraditionen lösten und mitunter in experimenteller Weise eigene Wege gingen. Sie sind ein wichtiger Beleg der kosmopolitischen Atmosphäre des Istanbuls der Belle Époque. Insgesamt vier dieser Gebäude konnten bisher dokumentiert werden, darunter zwei bemerkenswerte Doppelhäuser.
In den 1970er Jahren waren in der Altstadt Istanbuls noch vier größere Stadtquartiere mit traditionellen Holzhäusern verblieben. Eines von ihnen, Zeyrek, war Gegenstand der beschriebenen, flächendeckenden Dokumentation von 1978-1980. Die Auswertung dieser Untersuchungen und die neue Interpretation der Zeitschichten von Zeyrek ist der dritte dieser Forschungsstränge zur Istanbuler Stadttopografie.

History

Die Istanbuler Holzhäuser in ihren vielfältigen Ausbildungen und Konzeptionen sind ohne die Kenntnis älterer osmanischer Gebäudetypologien nicht verständlich. Vor deren Hintergrund stellen sie sich als Endpunkt einer Entwicklung dar, die nach Anatolien führt und hier in kursorischer Zusammenfassung beschrieben werden soll. Dabei stellt der Hof als Begegnungsraum einer häuslichen Gemeinschaft den zentralen Ausgangspunkt bei der Genese der osmanischen Hausgrundrisse dar. Aus den vier Stadien einer zunehmenden Inkorporation dieses Hofbereichs in das Bauvolumen werden die vier Grundtypen des osmanischen Hauses definiert. Die Entwicklung geht vom offenen Hof über den überdachten zum völlig in das Gebäudeinnere verlagerten großen Verteilerraum (sofa). Dieses letzte Stadium wird in erster Linie mit den Istanbuler Holzhäusern des 18. und frühen 19. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. Doch ist die Entwicklung keineswegs geradlinig und eindimensional, auch die übrigen Grundrisstypen wurden in manchen Regionen Anatoliens beibehalten und zu eigenen, differenzierten Ausprägungen fortgeführt. Die hoch entwickelten Gebäudetypen sind Ergebnis und Spiegel eines komplexen Zusammenspiels von Einflussfaktoren, die diese Raumgefüge hervorgebracht haben. Dabei spielen klimatische, ökonomische, kulturelle, gesellschaftliche und religiöse Faktoren eine wesentliche Rolle. Insbesondere hat die Trennung der Lebensbereiche von Mann und Frau, des öffentlichen und des privaten Wohnens entscheidenden Einfluss auf die Besonderheiten der Grundrissbildung. Diese wichtigen Komponenten werden mit Haremlik und Selamlık umrissen. Aber auch die klimatischen Faktoren mit den starken Temperaturenunterschieden zwischen Sommer und Winter, wie sie für Anatolien charakteristisch sind, hatten auf die Gebäudekonzeption erheblichen Einfluss. Sie führten zu einer Aufteilung jahreszeitlicher Lebensbereiche, deren räumliche Trennung die Gebäudedisposition bestimmt hat, mitunter sogar zu einer völligen Trennung dieser Lebensbereiche in zwei autonome Gebäudekomplexe, deren Standort weit voneinander entfernt liegen kann. Diese Bereiche werden mit den Begriffen yazlık und kışlık umrissen. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war Möblierung im europäischen Sinne unüblich, die Proportionierung und Gestaltung der Innenräume wurde ganz am auf dem Boden sitzenden Benutzer orientiert. Die älteren osmanischen Gebäude definieren sich ganz von ihrer inneren Konzeption her, konsequenterweise sind die Fassaden häufig außerordentlich schlicht gehalten. Während die Istanbuler Holzhäuser des 18. Jahrhunderts noch diesen älteren osmanischen Traditionen verhaftet sind, spiegeln die Bauten vor allem des späten 19. Jahrhunderts einen dramatischen Umbruch zunehmender Europäisierung wieder. Als einziges Kontinuum zu den früheren Epochen verblieb das Baumaterial Holz. In dieser Loslösung ist eine ungeheure Bandbreite an Bautypen und Dekorationsformen entstanden, denn auch die schnellen Stilfolgen der Gründerzeit wurden in Holzbauweise nachvollzogen.

Research History

Eine erste Untersuchung durch die Abteilung Istanbul fand bereits 1962 statt, als Klaus Tuchelt und Wolfram Kleiss das Kıbrıslı Yalı auf der asiatischen Seite des Bosporus untersuchten. 1977/78 folgte dann eine von dem damaligen Direktor Wolfgang Müller-Wiener und Johannes Cramer geleitete Großunternehmung, bei der wohl zum ersten Mal in Istanbul eine flächendeckende Dokumentation von Holzhäusern mit der Methodik der verformungsgetreuen Bauaufnahme durchgeführt wurde. Das Kooperationsprojekt mit den Technischen Universitäten Karlsruhe, Darmstadt und Istanbul richtete sich auf die Holzhäuser in Zeyrek, wo in dieser Zeit noch große, geschlossene Bestände erhalten waren. Im Zuge dieser Arbeiten wurden aber auch im übrigen Stadtgebiet Holzhäuser aufgenommen, unter ihnen der Mazlumağa Köşk in Altunizade, das Wohnhaus von Halet Çambel in Arnavutköy und der Kayserili Ahmet Paşa Konağι im Gebiet der Süleymaniye. Im Gegensatz zu den einfacheren Gebäuden von Zeyrek waren letztere stattliche Wohnhäuser privilegierter Bevölkerungsschichten, so dass diese Untersuchungen bereits eine große diachrone und typologische Bandbreite besaßen. Leider konnten viele der damals dokumentierten Wohnhäuser in der Folge nicht erhalten werden. Umso bedeutender ist ihre Erfassung in den Bauaufnahmen und Fotografien.
Ab 2001 wurden die Holzhäuser Istanbuls wieder vermehrt zum Forschungsgegenstand der Abteilung. Die Aktivitäten richteten sich auf den Bosporus als ein bisher vernachlässigtes Forschungsareal mit einzelnen erhaltenen Gebäuden aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Zunächst konnte die ehemalige Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya untersucht werden, bei der es sich um eine – stark von europäischen Konzepten bestimmte – Gruppe von Bauten im cottage style des späten 19. Jahrhunderts handelt. Anschließend folgte 2004 das Sa'dullah Paşa Yalısı als eines der wenigen erhaltenden Gebäude aus dem 18. Jahrhundert. Der prominente haremlik wurde vom damaligen Direktor Adolf Hoffmann und von Dominik Lorentzen in einer sehr umfassenden Bauaufnahme untersucht. 2007 folgte schließlich mit dem Amcazade Yalısı das bedeutendste historische Holzgebäude in Istanbul von 1699.
In den vergangenen Jahren konnte dann mit der Untersuchung von vier Objekten auf den Prinzeninseln auch dieses für die hölzerne Baugeschichte Istanbuls ganz eigenständige Stadtareal in die Forschungsarbeit einbezogen werden. Es ist ein ganz wesentlicher Aspekt des Projekts zu den Holzbauwerken Istanbuls, die Zusammenhänge zwischen stadttopographischer Situation, Grundrisstypologie und ethnischer Zugehörigkeit der Bauherrschaft systematisch zu beleuchten.

Research Goals

Die aktuellen Forschungen des DAI zu den Istanbuler Holzhäusern bewegen sich in den geschilderten drei Strängen. Zum Einen soll mit weiteren Einzeluntersuchungen am Bosporus und auf den Prinzeninseln das Spektrum der erfassten Bauten erweitert werden und so die Basis für eine grundlegende Analyse dieser Bauwerke in stadttopographischer, grundrisstypologischer, konstruktionsgeschichtlicher und diachroner Hinsicht geschaffen werden. Zum anderen gilt es, die älteren Forschungen in Zeyrek mit neuen Methoden auszuwerten und so erstmals flächendeckend die Geschichte eines Altstadtviertels zu beschreiben.
Ziel ist es, einen möglichst großen Querschnitt der ungeheuren Bandbreite der Bautypen und Dekorationsformen zu erfassen, um die gesamte Vielfalt der Istanbuler Holzhäuser in ihren Besonderheiten und Abhängigkeiten definieren zu können. Dabei stehen neben den entwurflichen und gestalterischen Aspekten die bisher kaum untersuchten konstruktiven Eigenarten der Bauwerke im Vordergrund. Ziel des Projekts in Zeyrek ist es, die verlorene Stadttopographie der osmanischen Wohnbebauung im Bereich der historischen Altstadt wenigstens ausschnittweise zu rekonstruieren und damit eine Vorstellung dieses stadträumlichen Gefüges zu erhalten. Die Basis bilden hier die flächendeckenden Dokumentationsarbeiten, die in den Jahren ab 1978 entstanden. Viele dieser Bauten sind heute verloren, aber auf Basis des älteren Dokumentationsstandes lässt sich das historische Siedlungsgefüge virtuell zurückgewinnen. Auf diese Weise soll auch ein möglicher Zugang zu der noch älteren und gänzlich verlorenen byzantinischen Bebauung des Viertels um das Pantokratorkloster überprüft werden.

Methodology

Die Basis aller Dokumentationsarbeiten an den Istanbuler Holzhäusern ist das klassische Bauaufmaß von Hand. In Einzelfällen wird ergänzend der Laserscanner eingesetzt, etwa um Oberflächentexturen genau zu dokumentieren oder komplexe räumliche Gefüge zu erfassen. Im Fall von Zeyrek werden die Untersuchungsergebnisse in einem dafür entwickelten Istanbul-GIS zusammengeführt, um hier georeferenziert verwaltet und analysiert werden zu können.

Results

Stadttopographie Bosporus
Von besonderer Bedeutung sind die Untersuchungen an den beiden wohl bedeutendsten Holzbauwerken Istanbuls, dem Sadullah Paşa Yalısı und dem Amcazade Yalısı. Beide Gebäude wurden zum ersten Mal im Hinblick auf ihre konstruktiven Besonderheiten untersucht. Die Bauaufnahme des Sadullah Paşa Yalısı entstand 2003 und führte auch zu einer intensiven Beschäftigung mit der Lichtführung des Gebäudes und dem Verhältnis zum Außenraum.
Im Winter 2007/2008 konnte eine Inkunabel der osmanischen Baugeschichte unter die Untersuchungsobjekte gereiht werden: Das Amcazade Yalısı bei Anadolu Hisarı. Das heute noch existierende Gebäude steht stellvertretend für eine große Anlage, die sich an einem länglichen Uferstreifen der asiatischen Bosporusseite ursprünglich aus mehreren großen Holzhäusern aufreihte. Bereits im 17. Jahrhundert war hier nach historischen Quellen ein Sommerpalast der Familie Köprülü angelegt worden. Die Anlage bestand spätestens im 18. Jahrhundert aus den klassischen Komponenten des selamlık und haremlik – hier ungewöhnlich weit voneinander entfernt – und einer Reihe von Nebengebäuden. Vom haremlik sind nur noch Reste der Fundamentmauern vorhanden, das Gebäude ist bereits Ende des 19. Jahrhunderts abgebrochen worden.
Nur noch der selamlık ist in aufgehenden Teilen des Holzgebäudes erhalten und auch dieses Gebäude ist in verschiedene Komponenten zergliedert, deren Erhaltungszustand sehr unterschiedlich ist. Der Hauptbaukörper stammte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und ist nur noch in der südlichen Raumzeile des Erdgeschosses und in einigen Querwänden erhalten. Etwas nach Süden versetzt schließt an die westliche Schmalseite des selamlık der divanhane an.
Diesem Gebäude – eigentlich eine räumliche Komponente des selamlık – verdankt die Anlage ihre weit über andere osmanische Holzhäuser des Bosporus reichende Berühmtheit, es gilt als die Verkörperung des türkischen Holzhauses schlechthin. Das Gebäude wird in das ausgehende 17. Jahrhundert datiert und gilt damit als ältestes Holzhaus von Istanbul. Die bestechend klare Grundrissfigur wurde aus der T-förmigen Anordnung des dreifachen eiwans gewonnen, dessen zentrales Quadrat von einer Kuppel überspannt wird. Spektakulärstes Element in der Außenerscheinung des divanhane ist der nach Westen weisende Schenkel des Grundrisses, der weit über die Uferkante in den Bosporus hinausragt und sich dabei auf geschweifte Konsolen stützt. Diese malerische Ansicht des Gebäudes ist seit dem 18. Jahrhundert immer wieder dargestellt worden.
Während der Außenbau wahrscheinlich von Anfang an weitgehend schmucklos geblieben ist, entwickelt sich im Inneren eine ungeheure Prachtentfaltung. Die Holzkuppeln waren ursprünglich mit Leinwand bespannt, bemalt und reich vergoldet. Geschnitzte und vergoldete Leisten gliedern die Wandflächen, deren bestimmendes Element jedoch eine Reihung großer Paneele mit gleichartigem Blumendekor ist. Darunter folgt ein durchlaufendes, die Horizontale betonendes Fensterband, das von fast allen Blickwinkeln aus den Blick auf das Wasser und die gegenüberliegende Uferzone freigibt.
Durch jahrzehntelange Vernachlässigung befindet sich das Gebäude in schlechtem Zustand, doch ist ein neues Vorhaben zu seiner Restaurierung geplant. In dessen Vorfeld wurde die gründliche Bauaufnahme angefertigt, die erstmals auch den konstruktiven Aufbau des Gebäudes in allen Einzelheiten mit einbezog. In der Schnittzeichnung wird die Konstruktionsweise des tragenden Gerüsts und der hölzernen Scheingewölbe deutlich.
Zu den frühen Holzbauten des asiatischen Ufers tritt komplementär die Studie zur historischen Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya als Fallbeispiel des 19. Jhs. Das Parkgelände in Tarabya war 1880 dem deutschen Reich von der Hohen Pforte zum Geschenk gemacht worden, mit der Auflage, hier eine Sommerresidenz zu errichte. Zuvor hatte sich dort das yalı einer griechischen Familie befunden, das vor der Schenkung abgebrochen worden war. Durch eine englische Baugesellschaft, die Constantinople Land and Building Company, ließ die Botschaft ab 1885 eine Anlage errichten, die im cottage style mehrere Einzelgebäude zu einem Ensemble vereinte. An den Planungen war auch der Architekt und Bauforscher Wilhelm Dörpfeld beteiligt.
Diese Gruppe von Holzhäusern vertritt charakteristische Elemente der Stilentwicklungen, die das Bauwesen Istanbuls in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. erfasst hatten. Dabei treten die osmanischen Bautraditionen hinsichtlich des Raumprogramms und der Fassadengestaltung hinter eine stärker internationale, an westlichen Vorbildern orientierte Architektursprache zurück. Als verbindendes Element verbleiben das Baumaterial und einzelne Ordnungsmuster.
Bild: Überblick über die Bauten der Sommerresidenz
2003 konnte eine erste Untersuchung des Baubestands durchgeführt werden, die 2005 durch eine landschaftsarchitektonische Studie der TUB Cottbus über das ausgedehnte und bedeutende Parkgelände mit seiner reichen Vegetation ergänzt wurde. 2013 konnte dann mit dem Kutscherhaus erstmals ein Einzelgebäude im Vorfeld seiner Restaurierung detailliert dokumentiert werden. Dabei stellte sich heraus, dass das solide Eichengerüst des Funktionsbaus aus Hölzern besteht, die über den Bosporus geflößt worden waren.
Zu den Bauten der zweiten Generation in Tarabya gehört das sog. Matrosenhaus, das 1894 auf einer osmanischen Gewölbesubstruktion errichtet wurde. Das minimierte und zum stark improvisierte Holzgerüst des 2014 untersuchten Gebäudes steht im Gegensatz zum kräftigeren Eichenfachwerk des Kutscherhauses. Stellvertretend für die letzte Phase des Istanbuler Holzbaus ist hier eine starke Abnahme der konstruktiven Qualitäten feststellbar, die den Niedergang dieser Bauweise begleitete. Die Untersuchungen an den Holzbauwerken von Tarabya sollen in den nächsten Jahren fortgesetzt werden.

Holzhäuser auf den Prinzeninseln
2007 konnte erstmals eine Untersuchung an einem Holzgebäude auf dem Archipel vor den Toren der Metropole durchgeführt werden. Es handelt sich um das Wohnhaus Altın Ordu Cad. 20 auf Büyükada. Das schmale Holzhaus auf lang gestrecktem Grundriss wurde an der Wende zum 20. Jahrhundert errichtet und weist Elemente eines verhaltenen Jugendstils auf. Der Grundriss und die Gebäudekonzeption sind ganz von europäischen Mustern bestimmt.
2009 konnte mit der Dokumentation des Apostolidis Köşk auf Heybeli Ada ein prominentes Objekt in die Forschungen auf den Prinzeninseln einbezogen werden. Das dreigeschossige Holzhaus wurde 1862 als Sommerwohnung eines griechischen Anwalts errichtet und vertritt eine auch auf den Prinzeninseln nur noch ganz seltene, ältere Generation von Holzhäusern, die in der Epoche des späten Klassizismus mitteleuropäischer Stilformen und Grundrisstypen konsequent in die osmanische Holzbauweise umsetzten. Der Apostolidis Köşk zeigt dabei in allen Einzelformen und Grundrisselementen eine besonders reine Verkörperung des bürgerlichen Klassizismus und damit eine Abkehr von den osmanischen Traditionen, die auch mit der griechischen Bauherrschaft zu tun haben mag.
Die kosmopolitische Atmosphäre des späten 19. Jhs. in Istanbul erzeugte eine große Offenheit für neue Stilformen, Haustypen und Materialien. Auf den Prinzeninseln lassen sich diese starken Einflüsse westlicher Paradigmen besonders deutlich festmachen. So gibt es dort eine große Gruppe von Doppelhäusern, die von Rationalisierungsbestrebungen und von Wohnformen nach angelsächsischen Mustern zeugen. Zwei solche Gebäude konnten ebenfalls in die Dokumentationsarbeit einbezogen werden.
Die Sulyoti İkiz Evleri auf Büyükada wurden um 1900 als giebelständige Doppelhausgruppe errichtet. Das stark verfallene Gebäude konnte 2011 untersucht werden. Der geschlossene Baukörper, akzentuiert durch die beiden vorspringenden Loggien, wird nur im Erdgeschoss durch einen durchbindenden Korridor unterbrochen, durch den die Erschließung der beiden Hauskörper erfolgt. Ein ähnliches Konzept verfolgt das Doppelhaus Hüseyin Rahmi Bey Sk. 4-6 auf Heybeli Ada, das 2012 dokumentiert werden konnte. Auch hier durchmisst ein schmaler Korridor mittig den Baukörper, der jedoch das rückwärtige Grundstück erschließt. Die beiden Hauskörper werden symmetrisch durch separate, straßenseitige Eingänge betreten. Im Inneren sorgt ein schmaler Lichtschacht, der vertikal auf den Mittelkorridor herabsticht, für Belichtung und Belüftung der Binnenräume, eine Lösung, die stark an amerikanische Grundrißvorbilder gemahnt.

Zeitschichten in Zeyrek
Das vor etwa 35 Jahren in Zeyrek durchgeführte, flächendeckende Dokumentationsprojekt ist die Ausgangsbasis der neuen Studien zu diesem wichtigen Istanbuler Stadtviertel. Dabei geht es um eine Bestandsaufnahme dessen, was heute noch von der ursprünglich dichten Holzhausbebauung erhalten geblieben ist, aber auch um eine Rückverfolgung der früheren Zeitschichten. Die Ergebnisse der älteren Bauaufnahmen sollen dabei im Hinblick auf chronologische, typologische und sozialhistorische Besonderheiten bewertet werden. Diese Analyse soll letztlich auch auf die 1978 bereits verlorenen Holzgebäude ausgedehnt werden. Mit Hilfe kartografischer und luftfotografischer Informationen kann dieser Zustand bis in das Jahr 1913 relativ genau zurückverfolgt werden. Ordnungsstiftende Struktur der Arbeiten ist ein für das Projekt entwickeltes Istanbul-GIS, in dem die georeferenzierte Überlagerungen der Pläne und Luftaufnahmen durchgespielt und die Informationen zu den Einzelgebäuden zugeordnet werden.
So läßt sich feststellen, daß die 1978 noch vorhandene Holzhausbebauung nur einen Restbestand dessen darstellt, was 1933 noch vorhanden war. Vergleicht man diesen Zustand wiederum mit der sehr dichten und geschlossenen Bebauung von 1913, die sich relativ genau rekonstruieren läßt, so zeigen sich wiederum Verluste durch Schadensfeuer und das Eindringen städtebaulicher Paradigmen der Moderne. Aber auch die geschlossene Bebauung von 1913, die das Bild einer gewachsenen mittelalterlichen Stadt suggeriert, darf nur als gefrorene Momentaufnahme interpretiert werden. Im 19. Jh. war das Viertel deutlich lockerer durchsiedelt und mit einzelnen, großen freistehenden Konaks bebaut. Weite Teile von Zeyrek gehörten ursprünglich zum Bezirk des Pantokratorklosters, und so führt die Analyse der Zeitschichten mit den longue durée- Phänomenen der byzantinischen Bebauung als Festpunkten des Systems auch in die vorosmanische Phase des Istanbuler Stadtviertels.


Bibliografie

Stadttopografie Bosporus

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Prinzeninseln

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Zeyrek und allgemeiner Überblick

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