Das Mosaik – ein Rückblick auf unser FSJ am DAI Istanbul
Mosaik, das - Substantiv, Neutrum
Ein Kunstwerk, das durch das Zusammenfügen kleiner, meist farbiger Steine oder Glasstücke zu Mustern oder Bildern entsteht.
Nach einem Jahr in Istanbul erstreckt sich vor uns ein Mosaik blau wie der Bosporus, rot wie die Tulpen im Gülhane Park und gelb wie die Sonne über Istanbul.

© DAI-IST// Lara Ellenberger
Wir, Lara und Nike, haben in dem vergangenen Jahr ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) an der Abteilung Istanbul des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) geleistet. Unser FSJ findet im Rahmen des kulturweit-Programms statt, das von der deutschen UNESCO-Kommission gefördert wird. Es ist eine tolle Möglichkeit, sich nach dem Abitur zu orientieren oder während des Studiums Arbeitserfahrung zu sammeln.
Während wir auf unser Mosaik blicken, prasseln die Erinnerungen eine nach der anderen auf uns ein...
Ganz oben links zum Beispiel ist das erste Stück unseres Mosaiks. Es war Anfang September, 30 Grad Celsius, die Luft war feucht, aber ein angenehmer Wind wehte vom Bosporus. Lara und ich standen auf dem Taksim Platz und überlegten, was wir uns zu essen holen sollten – Döner? Mantı? Oder Lahmacun? Ein paar Wochen später würden wir unseren Lieblingsfalafelladen nur eine Straße weiter entdecken, den wir fortan oft in der Mittagspause besuchten.
Wir waren beide erst vor ein paar Tagen in Istanbul angekommen und wohnten vorübergehend im Müller-Wiener-Kolleg, den Kollegiatenzimmern im Gebäude des DAI. Die Aussicht aus unserem damaligen Zimmer kann nicht übertroffen werden: direkte Sicht auf den Bosporus und die asiatische Seite Istanbuls. Ein Blick nach rechts bot die historische Halbinsel mit den Minaretten der Hagia Sophia und der Blauen Moschee, ein Blick nach links die erste Bosporusbrücke.
Zur gleichen Zeit hielten wir den Rekord für den kürzesten Arbeitsweg der Welt. Nach nur ein paar Schritten aus dem Müller-Wiener-Kolleg befanden wir uns in der Fotothek. Dieser Stein gehört mit zum Herzstück unseres Mosaiks, denn die Fotothek war lange unser zentraler Arbeitsplatz. Dort haben wir uns vor allem mit dem Erhalt von verschiedenen Nachlässen beschäftigt. Die Bilder – meistens Dias oder Filme aus den 70ern und 80ern – mussten digitalisiert und anschließend in einer Excel-Tabelle erfasst werden. Wir haben uns wie Sherlock Holmes gefühlt, herauszufinden wo die vorliegenden Bilder geschossen wurden. Der Bogen spannte sich vom Van-Museum im Südosten der Türkei über die Höhlenhäuser in Kappadokien bis zum Amphitheater von Milet.

© DAI-IST// Lara Ellenberger
Begeistert von dieser Vielfalt packten wir unsere Rucksäcke und machten uns selbst auf den Weg.
Auf der linken Seite unseres Mosaiks ballen sich mehrere kleine Steinchen; jedes stellt eine unserer Reisen dar. Man kann die Celsius-Bibliothek und die Überreste des Artemis-Tempels in Ephesos, den Nachbau des Trojanischen Pferdes in Çanakkale und noch vieles mehr erkennen. Es war ein wortwörtliches Déjà-Vu, die Orte, die wir bisher nur auf Fotos kannten, nun mit eigenen Augen zu sehen.
Wir sind uns einig, dass wir wieder in die Türkei kommen müssen, um die weiteren Orte auf unserer langen Bucket-Liste zu besuchen, denn sie hat viel zu bieten – besonders für Archäologie- und Geschichtsinteressierte.

© DAI-IST// Lara Ellenberger

© DAI-IST// Lara Ellenberger
Aber Istanbul allein ist schon groß genug, um ein Leben lang immer wieder auf etwas Neues zu stoßen. Unser Blick bleibt auf einem weiteren Teil unseres Mosaiks hängen. Der Stein ist glatt und dunkel wie das Objektiv der Kamera, mit der wir durch die belebten Straßen Istanbuls gestreift sind.
In kaum einer anderen Stadt als Istanbul kann man den rasanten Lauf der Geschichte so gut nachvollziehen. Deshalb war es unser Ziel, die Stadt zu ihrem jetzigen Zeitpunkt festzuhalten. Wir haben insbesondere die Häuser des Art-Déco-Stils fotografiert und zwischendurch konnten wir nicht widerstehen, von den Istanbuler Katzen einen Schnappschuss zu knipsen; den Katzen ist sogar ihr eigenes Museum in Istanbul, Beyoğlu, gewidmet. Auch die restliche Museumslandschaft in Istanbul bot besondere Highlights: das Archäologische Museum, die Paläste – besonders der Topkapı Palast – und viele Kunstmuseen haben wir uns nicht entgehen lassen.

© DAI-IST// Lara Ellenberger
Zurück in der Mitte unseres Mosaiks liegt ein scheinbar älterer Stein. Es sind die Archive des DAI, welche bis zur Gründung der Abteilung Istanbul 1929 zurückreichen. Umso tiefer wir in die Archive eingetaucht sind, desto mehr Perlen fanden wir: Alte Grabungstagebücher, Karten, Briefe oder auch Plaketten zu Ehren der ehemaligen Grabungsleiter. Unsere Aufgabe war es, die verschiedenen Dokumente und Objekte zu ordnen, zu verpacken und zu inventarisieren. Durch die intensive Beschäftigung, haben wir viel über vergangene Prozesse gelernt.

© DAI-IST// Lara Ellenberger
Gleichzeitig eröffnete uns das DAI viele Möglichkeiten, einen Einblick in aktuelle Forschungen zu erhalten: Gerne sind wir zu den Abendvorträgen gegangen, bei denen Gastsprecher für einen Vortrag eingeladen werden, worauf ein Empfang zum Austausch folgt.
Im Frühjahr finden die Frühjahrsführungen des DAI statt, durch die wir abgelegene Orte Istanbuls wie den Damatris-Palast in Samandıra oder die Sommerresidenz der deutschen Botschafterin in Tarabya kennengelernt haben.
Nicht zu vergessen ist außerdem die umfangreiche Bibliothek des Instituts, in der Lara beispielsweise gerne den Osmanischen Lloyd, eine von 1908 bis 1918 in Konstantinopel (Istanbul) erschienene deutsch- und französischsprachige Tageszeitung, zur Recherche gelesen hat.
Wenn wir etwas zurücktreten, sehen wir, dass es noch Platz für weitere Steine in unserem Mosaik gibt, denn unser Jahr ist noch nicht vorbei. Die nächsten Wochen werden wir jeweils auf eine Grabung des DAI fahren: Lara nach Bergama/Pergamon, und ich nach Boğazköy-Hattuša. Dort erwarten uns Griechen, Römer, Hethiter und neue Erfahrungen, auf die wir uns schon sehr freuen!

© DAI-IST// Lara Ellenberger
Nun stehen Lara und ich vor unserem Mosaik aus Erinnerungen, das so vielfältig wie Istanbul selbst ist. Unsere Zeit am DAI hat uns sehr bereichert, nicht nur aufgrund der Arbeit in archäologischen Institutionen und Archiven, sondern auch im Hinblick auf die persönliche Weiterentwicklung.
Diese prägenden Erlebnisse werden wir mit auf die Grabungen und Ende August zurück nach Deutschland nehmen. Zum Abschied sagen wir „Teşekkür ederiz ve görüşürüz!“
~ illustriert von Lara Ellenberger
~ geschrieben von Nike Lehmann-Spalleck
