Ein Gespräch mit Volker Kästner im Pergamonmuseum
DAI: Herr Kästner, wir stehen vor dem wiederaufgebauten Pergamonaltar im Pergamon-Museum in Berlin, zu dem in Kürze Ihr Buch erscheinen wird. Bitte beschreiben Sie den Altar kurz.
Volker Kästner (VK): Im Museum sehen Sie den interessantesten Teil des Altares, nämlich die Eingangsfront mit der großen Freitreppe, aber das ist eben nur ein Teil des eigentlichen Altares. Der gesamte Altar war ein großes Gebäude, mit etwa 32 m Seitenlänge im Quadrat, einem über 5 m hohen Sockel und darüber ein etwa genauso hoher Aufbau mit einer Säulenhalle.
Die große Freitreppe führte an der Westseite in einen Hof, wo der eigentliche Opferaltar stand und wo die Brandopfer durchgeführt wurden. Die Tiere hat man unten im Hof geschlachtet und nur die Teile, die auf dem Altar verbrannt werden sollten, wurden dann hochgetragen.
DAI: Ihr Buch ist das vierte Buch zum Pergamonaltar in der Reihe ›Altertümer von Pergamon‹ des DAI – nach Jakob Schramm zum Altar und Oberen Mark (1906), Hermann Winnefeld zu den Friesen des Altares (1910) und Manfred Klinkott zum Fundament und den Fassadenfragmenten des Altares (2020). Welche Fragestellungen stehen im Fokus Ihres Buches?
VK: Die erste Veröffentlichung erschien 1906, vor 120 Jahren. Im Laufe von 120 Jahren wissenschaftlicher Forschung ergeben sich natürlich neue Gesichtspunkte und Fragestellungen. Dieser vierte Teil ist eine Fortsetzung der Arbeiten von Herrn Klinkott zum Fundament des Altares. Ich zeige, wie sich die einzelnen Bauteile zueinander verhalten, wie der Bau ausgesehen hat und wie man ihn rekonstruieren kann.
DAI: Zu Ihrem Buch gehören etwa 2000 Abbildungen, 600 davon sind Zeichnungen, der Großteil von Hand angefertigt. Der Katalog umfasst 1146 Bauteile und Bauteilfragmente, die zuvor alle einzeln gesucht und gefunden, vermessen und beschrieben werden mussten. Das ist eine gewaltige Arbeitsleistung. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
VK: 1986 haben wir an den Staatlichen Museen zu Berlin eine Ausstellung initiiert, zum Anlass von 100 Jahren Forschung in Pergamon. Im Rahmen dieser Ausstellung musste ich mich mit der Architektur des Pergamonaltares befassen, weil ich wenige Jahre vorher als Kustos für antike Architektur an der Antikensammlung angestellt worden war. Deshalb habe ich mir im Depot angeschaut, welche Stücke es außer den ausgestellten Stücken noch in Berlin gibt. So begann mein Einstieg in die Architektur des Pergamonaltares. Seit 1990 durfte ich auf Einladung der Pergamon-Grabung des DAI Untersuchungen vor Ort anstellen und die über tausend Bauteile suchen, die noch in Pergamon lagen. Denn der Hauptteil der Architektur des Altars liegt tatsächlich noch oben auf dem Stadtberg von Pergamon.
DAI: Wie ist das Buch aufgebaut?
VK: Das ist eigentlich ganz simpel: Es folgt dem Aufbau des Altares. Ich habe die einzelnen Baugruppen definiert, beginnend mit den Stufen, dem Sockel, den Profilen. Dieses Vorgehen habe ich von unten nach oben bis zum Dach in einzelnen Kapiteln verfolgt. Die dazugehörigen Fundobjekte, die meistens in Pergamon, aber zum Teil eben auch (teilweise verbaut) im Museum existieren, habe ich systematisch in einem Katalog aufgeführt und besprochen. Am Schluss folgt dann natürlich das Resümee: Wie ist der Altar als Ganzes aufgebaut?
DAI: Neben dem Arbeiten vor Ort haben Sie viel im Archiv gearbeitet.
VK: Ja, das ist bei so einer Altgrabung unerlässlich, weil viele Beobachtungen nur durch die schriftliche Überlieferung, vor allem durch Zeichnungen von Richard Bohn und Jakob Schrammen überliefert sind. Das sind in der Regel kleine Heftchen, Tagebücher, die der Grabungsarchitekt geführt hat und in die er die Stücke, die er gefunden hat, mit Bemaßungen gezeichnet hat. Einige von diesen Stücken sind heute nicht mehr auffindbar.
DAI: Deshalb bilden Sie diese Skizzen in Ihrem Buch ab?
VK: Ja. Bauforschung funktioniert ja generell so, dass man nicht nur das vorhandene Material untersucht, sondern auch in die Archive gehen muss, um ältere Abbildungen oder ältere Aufzeichnungen zu sichten und herauszufinden, wie sie das ergänzen, was man heute vorfindet.
DAI: Seit 1990 haben Sie mehrfach an der Pergamon-Grabung des DAI in der Türkei teilgenommen. Welche Aufgaben haben Sie dabei übernommen?
VK: In Pergamon habe ich mir zuerst alles, was ich aus der Literatur und aus dem Depot kannte, im Vergleich mit der Natur, die dort vorliegt, der fantastischen Lage dieses Altares, angesehen. Dann habe ich nach einzelnen Bauteilen gesucht, sie gezeichnet und vermessen. Das war die Hauptaufgabe. Ich habe sie zusammen mit Manfred Klinkott, der den ersten Band dieser neuen Beiträge zum Pergamonaltar verfasst hat, durchgeführt. Unterstützt wurden wir von den einheimischen Grabungsarbeitern und Studenten der TU Karlsruhe, die als Architekten das nötige Handwerkszeug mitbrachten, um den Bau richtig aufzunehmen.
DAI: Wie kann ich mir den Arbeitsalltag in Pergamon vorstellen?
VK: Es ging immer früh los. Man fuhr oder lief den Berg hoch bis zum Altar und suchte sich ein Bauteil aus, das man dokumentieren wollte. Es wurde fotografiert und dann saß man zwischen den Trümmern und zeichnete. Da gab es nette Erlebnisse, weil der Altar ja ein touristisches Highlight ist, dass Gruppen an einem vorbeikamen und guckten: ›Ach, Sie zeichnen das noch mit der Hand, dafür gibt es doch Computer!‹ Computer gab es damals noch etwas seltener, aber bevor man etwas mit einem Computer bearbeitet, muss man es erst einmal selbst gesehen haben.
DAI: Fällt Ihnen eine besondere Anekdote aus dieser Zeit ein?
VK: Einmal bin ich unterhalb der Ruinen des Oberen Marktes, also der Terrasse unterhalb des Altares, auf einem Feldweg entlanggegangen, der von der Grabung angelegt worden war. Da habe ich im Gebüsch ein stark verwittertes Stück Stein gesehen und es mir erst einmal näher angeguckt. Auf dem Stein standen griechische Buchstaben. Gerade bei den frühen Ausgrabungen, als die Archäologie noch sehr philologisch orientiert war, hatte man eigentlich jeden Buchstabenrest notiert und veröffentlicht. Und trotzdem erkannte ich – erst habe ich es gar nicht geglaubt – einen neuen Gigantennamen! Der Stein gehört zum Südfries des Altares, zum Gegner der Themis, der Göttin des göttlichen Rechts.
DAI: Zu welchen Ergebnissen sind Sie durch Ihre Forschung gekommen?
VK: Das erste Ergebnis ist eine möglichst vollständige Dokumentation der Teile, die mit der Architektur dieses Altares verbunden sind und sich heute an verschiedenen Orten befinden: ein kleiner Teil in Berlin, der Hauptteil natürlich am Grabungsort selbst. Diese Bauteile durchgehend zu dokumentieren, war in der Vergangenheit nie erfolgt. Man hatte immer nur gut erhaltene Teile aufgenommen, die als pars pro toto galten, also als Musterbeispiel. Auf dieser Basis rekonstruierte man den Pergamonaltar. Es haben sich aber Fragen ergeben, die sich nur dadurch ausräumen ließen, indem man wirklich das gesamte Material sichtete. Erst jetzt können wir die Hofwand des Altars ziemlich genau rekonstruieren. So haben wir herausgefunden, dass zwei verschiedene Marmorsorten verwendet wurden: nicht nur der weiße Marmor von der Insel Prokonnesos, dem heutigen Marmara. Der zweite Marmor ist dunkelgrau bis graublau und stammt von der benachbarten Insel Lesbos. Mit diesem Marmor hat man die Außenwand des Pergamonaltares gestaltet, sodass es einen Farbkontrast gab zwischen weißem und dunkelblauem Marmor.
Am Durchgang von der Freitreppe in den Saal, wo ursprünglich der Brandopfer-Altar stand, war die Architektur ebenfalls ein wenig anders als im Pergamon-Museum rekonstruiert. So wurden unter den Halbsäulen zusätzlich Plinthen eingesetzt. Die müssen verschwinden, denn es gab sie nicht.
Außerdem die Risalit-Wand: Sie ist in den 1920er Jahren so gestaltet worden, als wenn der kleine Fries auch auf dieser Seite weitergegangen wäre. Dies war angenommen worden, da sehr viele Fragmente (über 700) von diesem kleinen Fries existieren. Allerdings haben wir festgestellt, dass es eigentlich eine Quaderwand war, die noch dazu nicht aus weißem Marmor, sondern aus dunkelblauem Marmor bestand.
Dann habe ich auch Überlegungen angestellt, dass die Säulenbasen nicht die gleichen Typen sind wie in den äußeren Hallen, sondern dass hier eine andere Säulenbasis eingesetzt gewesen sein muss. Diese war etwas niedriger und etwas moderner. Die Basis, die grundsätzlich eingesetzt wurde, ist eine archaistische Form, durch die der Schöpfer des Altares eine Beziehung zur kleinasiatischen Tradition herstellen wollte. Aber am Durchgang von der Freitreppe in den Saal mit dem Brandopfer-Altar war man etwas moderner, wie auch diese Säulenpfeiler, die direkt in den Innenhof führen, eine modernere Form der Stütze darstellen. Die Pfeiler sind aus je zwei Säulen zusammengebaut mit einem Pfeilerteil in der Mitte und sitzen auf Postamenten.
DAI: Wird es durch Ihre Forschung jetzt eine neue Rekonstruktion des Altars geben?
VK: Auf dem Papier ja, aber wenn man all diese vielen Details realisieren würde, müsste man das ganze Museum umbauen. Und das macht keiner, zumal diese Installation und auch das Museum als Ganzes ja eigentlich unter Denkmalschutz stehen und deswegen nur begründet verändert werden können.
DAI: Ist der Pergamonaltar jetzt vollständig erforscht?
VK: Ein Denkmal dieser Komplexität und Größe ist nie richtig erforscht. Das gilt sowohl für die Friese und auch für einige kleinere Aspekte der Architektur. Ich glaube, da wird es immer noch weitere Forschungen geben müssen.
Bei dem vorliegenden Interview handelt es sich um eine leicht gekürzte und redigierte Fassung. Das vollständige Video-Interview ist über den folgenden Link abrufbar: https://youtu.be/95hRE6SO0SA.
