Von Athen nach Peking

Römisch-Germanische Kommission in Frankfurt

In den folgenden Jahrzehnten ist das Institut historisch gewachsen und hat sich dabei stets den wissenschaftlichen, aber auch kulturpolitischen Möglichkeiten und Erfordernissen angepaßt. Mit der 1902 erfolgten Gründung der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt am Main weitete es sein Forschungsfeld auf das Europa nördlich der Mittelmeerländer aus. Die Beziehung zur französischen Archäologie, aber auch zu Gelehrten in den Donauländern spielte von Anfang an eine zentrale Rolle. Und besonders während der politischen Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg bildete die RGK eine wichtige Brücke nach Osteuropa.

Abteilungen in Istanbul und Kairo

In Kleinasien und Ägypten war deutsche Forschung seit dem späten 19. Jahrhundert tätig. Anlässlich der Hundertjahrfeier des Instituts im Jahre 1929 erhielt es schließlich die Abteilungen Istanbul und Kairo. 

Gerade aus heutiger Sicht ist daran bemerkenswert, dass dies in politisch wie wirtschaftlich schwerer Zeit geschah. Für Deutschland waren diese Gründungen aber auch Gelegenheiten, sich aus der internationalen Isolation nach dem Ersten Weltkrieg zu befreien und sich – zumindest auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet – als gleichberechtigte Nation zu präsentieren.

Abteilung in Madrid

Mit Istanbul und Kairo war jedoch der alte, durch die klassischen Länder bestimmte Rahmen endgültig überschritten, insbesondere in der Erkenntnis, dass die gesamte Alte Welt, so vielfältig und widersprüchlich sie war, im Grunde doch eine geistig fassbare Einheit bildete, in der kein Teil unberücksichtigt bleiben dürfe. Aus dieser Erkenntnis heraus wandte man sich dann auch dem westlichen Mittelmeerraum und insbesondere der Iberischen Halbinsel zu, wo 1943 der Grundstein für die Abteilung Madrid gelegt wurde.

 

Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik in München

Gerade in dieser Phase der Ausweitung des Instituts wurde immer deutlicher, dass die Archäologie bei der Rekonstruktion der Vergangenheit ohne eine stärkere Einbeziehung der von ihr ausgegrabenen Schriftquellen nicht auszukommen vermag. 1967 wurde deshalb als gesonderte Forschungseinrichtung für Epigraphik, Numismatik und Papyrologie die bereits 1951 gegründete Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik in München an das Institut angegliedert, deren Projekte heute von Spanien und dem Maghreb bis in die Türkei und nach Ägypten streuen und das Institut zu einer auch altertumskundlich interdisziplinär arbeitenden Einrichtung machen.

 

Von der Abteilung in Bagdad zur Orient-Abteilung in Berlin

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren im Nahen Osten souveräne Staaten entstanden, die nach ihrer historischen Identität suchten. Noch heute bildet gerade in einem ethnisch und religiös so heterogenen Land wie dem Irak die große geschichtliche Vergangenheit ein wichtiges Bindeglied, dessen Bedeutung für den Zusammenhalt dieser Nation nicht unterschätzt werden darf. Insofern war es folgerichtig, daß das Institut damals in Vorderasien die Initiative ergriff: 1955 wurde die Abteilung Bagdad gegründet, 1961 folgte Teheran, später kamen die Stationen Sana'a (1978) und Damaskus (1980) hinzu. 

Aufgrund andauernder politischer und zum Teil kriegerischer Auseinandersetzungen seit Beginn der achtziger Jahre wurde die Orient-Archäologie am DAI neu organisiert: Als Zentrum der Forschungen in Vorderasien wurde 1996 eine Orient-Abteilung in Berlin eingerichtet, der als Vertretungen in den Ländern des Nahen Ostens die bereits bestehenden Außenstellen Bagdad (derzeit nicht besetzt), Damaskus und Sana'a zugeordnet sind.

 

Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen in Bonn

Im Jahre 1979 verlieh die auf Anregung der Bundesregierung erfolgte Gründung der Kommission für Allgemeine und Vergleichende Archäologie in Bonn dem Institut schließlich eine weltweite Komponente. Die von dort aus betreuten Projekte in Entwicklungs- und Schwellenländern in Südasien, Afrika und Lateinamerika leisten seitdem nicht nur vorzügliche Grundlagenforschung vor Ort, sondern außerdem wichtige Beiträge im Bereich "Nation Building". Diese Zweiganstalt benannte sich inzwischen in Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen um, da dies ihrem tatsächlichen Auftrag und ihrer wirklichen Arbeit besser entspricht, während vergleichende Archäologie eine Aufgabe des Gesamtinstituts ist.

 

Eurasien-Abteilung in Berlin

Anfang der neunziger Jahre schuf dann der weltgeschichtliche Prozess der Auflösung der Sowjetunion auch für die Archäologie eine neue Lage. Das Institut gründete 1995 aus Teilen der Akademie der Wissenschaften der DDR die Eurasien-Abteilung in Berlin, deren Forschungen heute von der Ukraine und Russland über Mittelasien bis China reichen. Die 1961 gegründete Abteilung Teheran konnte nach der Islamischen Revolution 1979 keine aktive Ausgrabungsarbeit in Iran mehr durchführen und erst im Jahr 2000 ihre Arbeit als erste westliche Einrichtung wieder aufnehmen. Die DAI-Vertretung in Iran gehört heute als Außenstelle Teheran zur Eurasien-Abteilung in Berlin, zu deren Aufgabenbereich innerhalb des DAI die archäologische Forschung in Zentralasien gehört (Iran, Afghanistan, Pakistan und mittelasiatische Staaten).

 

Von Portugal, der Mongolei bis nach Peking

In jüngster Zeit wurden weitere Außenstellen, Forschungsstellen und Büros eingerichtet. Neben den Forschungsstellen in Ulaanbaatar 2007) und in Lissabon (2009) ist von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung die Außenstelle in Peking (2009). Mit dieser Neugründung wird vom Deutschen Archäologischen Institut das Ziel verfolgt, die langjährige Zusammenarbeit mit chinesischen Archäologen zu vertiefen und auszuweiten. Sie dient dem Studium der Alten Kultur und Geschichte Chinas durch Wissenschaftler beider Länder. Mit dem Deutschen Evangelischen Institut (DEI) in Jerusalem und Amman besteht eine Kooperation über eine gemeinsame Durchführung von Projekten. Seit 2005 sind die beiden Standorte des DEI "zugleich Forschungsstelle des Deutschen Archäologischen Instituts".