Nicht zu nah an das Tier: Internationales Team erforscht Ursprünge von Krankheiten

Dass Krankheiten von Tieren zu Menschen überspringen, ist seit der COVID-19-Pandemie auch in einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Dass solche Prozesse weit in die Vergangenheit zurückreichen, ist weniger bekannt, obwohl die meisten heutigen Infektionskrankheiten des Menschen sogenannte Zoonosen sind. Vieles deutet darauf hin, dass etliche Krankheiten, die uns heute noch begleiten, erstmals im späten 4. und 3. Jahrtausend v. Chr. in der Eurasischen Steppe von den damaligen Haustieren auf ihre Hirten übersprangen:
„Die Bronzezeit war geprägt von großen Völkerbewegungen und vor allem von einer Lebensweise, die auf Weidewirtschaft mit domestizierten Tieren basierte. Obwohl lange vermutet wurde, dass dies den Weg für die Zoonosen geebnet hat, fehlen bislang weitgehend Untersuchungen der DNA solcher alter Krankheitserreger an Tierresten“ meint Anne Kathrine W. Runge, Hauptautorin einer neuen Studie, die nun in Nature Communications veröffentlicht wurde und an der die Eurasien-Abteilung sowie die Archäozoologische Forschungsgruppe der Zentrale des DAI maßgeblich beteiligt waren.
Tierknochen als Forschungsquelle
Die Rekonstruktion der Genome alter Krankheiten anhand von Tierresten ist deutlich komplexer als die inzwischen etablierten Nachweise an menschlichen Skeletten aus archäologischen Funden. Felix M. Key, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, Berlin, erklärt dies damit, dass Tierknochen als Reste von Nahrung häufig erhitzt wurden und daher die Erhaltung alter DNA beeinträchtigt ist. Ihre Erforschung bietet jedoch eine einzigartige Gelegenheit, die Reservoirs prähistorischer Krankheiten zu finden, die geographische und zeitliche Ausbreitung zu verfolgen und die genetischen Mechanismen zu studieren, die eine Übertragung auf den Menschen begünstigen.
Fundorte und Kooperationen
Das DAI konnte für diese Studie auf die Expertise in der Archäozoologie (R. Gillis, N. Benecke) zurückgreifen und einen umfangreichen Satz an Proben aus dem relevanten Zeitraum zur Verfügung stellen – etwa aus den Ausgrabungsorten Pietrele (S. Hansen) und Petren (S. Hansen, R. Uhl) in Südosteuropa, aus nordkaukasischen Fundorten, die aus den langjährigen bioarchäologischen Forschungendort stammen (S. Hansen, S. Reinhold), sowie dem Fundplatz Tilla Bulak in Usbekistan. Zusammen mit Spezialistinnen und Spezialisten aus der Paläogenetik und Paläopathologie konnten so geeignete Individuen ausgewählt werden.
Erste Befunde und Ausblick
Neben zahlreichen Genomen von Krankheiten, die nicht genau bis auf den Erreger bestimmt werden konnten, wurden mit Streptococcus lutetiensis und Erysipelothrix rhusiopathiae zwei Erreger nachgewiesen, die zu Entzündungen der Brustdrüsen (Mastitis) bzw. Hautinfektionen führen. Die Studie liefert damit einen ersten Ansatz zu einem neuen Forschungsfeld, für das Tierknochenreste aus archäologischen Fundstätten die Grundlage bilden. Sie können zu einem besseren Verständnis der Entstehung heutiger zoonotischer Krankheiten beitragen, ihre Geschichte und ihr Alter klären.
Kontakt
PD Dr.
Sabine Reinhold
, Referentin für die Archäologie Sibiriens und des Ural
Sabine.Reinhold@dainst.de
Rosalind Gillis
Rosalind.Gillis@dainst.de
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