Zusammensetzung von Körper und Tod: Konstruktion – Dekonstruktion – Rekonstruktion

Die wahrgenommene Identität einer Person als Individuum und als Teil einer funktionalen oder kollektiven Identität wird durch viele bewusste und unbewusste Entscheidungen und Interpretationen beeinflusst: In diesem Zusammenhang übernimmt der Körper als sichtbare und greifbare Einheit die Rolle einer Leinwand, auf der durch das Hinzufügen und Entfernen von Elementen Bedeutung erzeugt wird und sich ein kohärentes Ganzes formt: Der nackte Körper wird bekleidet, es können dauerhafte oder temporäre Veränderungen an physischen Merkmalen wie Haut, Haaren oder Zähnen vorgenommen werden. Diese Einheit wird wiederum durch den äußeren Kontext beeinflusst, etwa durch Identitäten, die auf unterschiedlichen sozialen Hintergründen beruhen. Diese Identität wird nach außen kommuniziert, von anderen wahrgenommen und interpretiert.
Im Gegensatz zum Leben verliert ein Individuum mit dem Tod die Fähigkeit, sich aktiv selbst zu konstruieren, und tritt in den statischen Zustand einer „verstorbenen Person“ ein. Tod und Bestattung sind jedoch keine neutralen oder rein technischen Reaktionen auf das Lebensende. Sie sind kulturelle Prozesse, in denen Körper, Objekte, Erinnerungen und Narrative aktiv geformt, hinterfragt und neu bearbeitet werden. Cluster 3 „Körper und Tod“ lädt zur Beitragseinreichungen ein, die sich auf theoretischer und praktischer Ebene mit der Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion von Körpern, insbesondere nach dem Tod, befassen. Die dreitägige Konferenz findet vom 28. bis 30. September an der RGK in Frankfurt am Main in der Palmengartenstraße 10–12 statt.
Auf theoretischer Ebene fragt die Konferenz, wie die Konzepte von Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion im Kontext von Körper, Tod und Bestattung definiert und angewendet werden können. Was bedeutet es, die Toten sozial, materiell oder narrativ zu konstruieren? Wie lassen sich Akte der Zerstörung, Störung oder der Verweigerung des Gedenkens als Formen der Dekonstruktion verstehen? Inwiefern ist archäologische Interpretation selbst stets eine Form der Rekonstruktion – notwendigerweise vorläufig und von modernen Perspektiven geprägt? Beitragende sind eingeladen, diese Fragen sowie etablierte wissenschaftliche Ansätze zum Tod kritisch zu reflektieren.
Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der Konstruktion und Dekonstruktion des Körpers, sowohl im Leben als auch insbesondere nach dem Tod. Bestattungen und Gedenkpraktiken schaffen durch Grabbeigaben, Grabarchitektur, Inschriften, Narrative und wiederholte rituelle Handlungen spezifische Bilder der Verstorbenen. Diese Konstruktionen können später durch Grabräuberei, Zerstörung, Fragmentierung oder das Auslöschen von Erinnerung verändert oder aufgehoben werden. Auch aktuelle Versuche, bestattete Individuen zu interpretieren und zu rekonstruieren, sind Teil dieses fortlaufenden Prozesses.
Die Konferenz beleuchtet zudem die Auswirkungen mortuärer Praktiken auf die Lebenden. Als Übergangsriten inszenieren Bestattungsrituale Transformationsprozesse, in denen Körper und Identitäten neu konfiguriert, Autorität und Nachfolge symbolisch legitimiert und Gemeinschaften durch die liminale Aushandlung von Trauer und Verlust geführt werden. Umgekehrt können Tote bewusst dekonstruiert werden, um ihre frühere soziale oder politische Macht zu neutralisieren oder anzueignen, sei es aus rituellen, emotionalen oder pragmatischen Gründen. Darüber hinaus sind Beiträge zu Themen wie Grabbeigaben, Gewalt und Tod (einschließlich Hinrichtungen und Suizid), sinnlichen Dimensionen von Bestattungspraktiken, Abfolgen mortuärer Handlungen, Körpermanipulation, Sekundärbestattungen sowie Fragmentierungs- und Defragmentierungsprozessen willkommen. Interdisziplinäre Beiträge aus allen Epochen und Regionen sind ausdrücklich erwünscht, insbesondere solche, die theoretische Reflexion mit empirischen Fallstudien verbinden.
Die Beiträge können in Form von Vorträgen und Postern in englischer und deutscher Sprache eingereicht werden und sollten ein Abstract von maximal 300 Wörtern enthalten. Die Vorträge sollen bis zu 20 Minuten dauern. Posterpräsentationen sind ebenfalls willkommen; die Poster sollten im Format A1 (Hochformat) gestaltet sein. Die Tagung findet in einem hybriden Format statt und wird online übertragen.
Alle Abstracts sind bis spätestens zum 31.03.2026 an koerperundtod.sprecher@dainst.de zu senden.
Kontakt
Prof. Dr.
Mayke Wagner
, Stellvertretende Direktorin, Leiterin der Außenstelle Peking
Mayke.Wagner@dainst.de
DAI Pressestelle
Podbielskiallee 69
14195 Berlin
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