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Zwischen Tod, Erinnerung und Identität

FORSCHUNG

Pergamon, Stadtberg, Nordhang. Luftaufnahme eines Grabbereichs © DAI Istanbul // B. Korkut

24.02.2026 | Abteilung Istanbul

Neue Forschungen zur hellenistischen Bestattungskultur in Kleinasien.

Der Tod bedeutete in der Antike nicht das Ende sozialer Präsenz: Gräber, Rituale und Gedenkpraktiken hielten die Verstorbenen im öffentlichen wie privaten Alltag präsent und prägten das Selbstverständnis ganzer Gemeinschaften. Ein zentraler Schlüssel zum Verständnis antiker Gesellschaften liegt daher in der Erforschung ihrer Bestattungspraktiken. Der Sammelband Hellenistic Funerary Culture in Pergamon and the Aeolis widmet sich der Frage, wie Erinnerung im hellenistischen Kleinasien gestaltet, bewahrt und immer wieder neu interpretiert wurde.

Gräber als Orte des kollektiven Erinnerns
Herausgegeben von Prof. Dr. Felix Pirson, Leitender Direktor am Deutschen Archäologischen Institut (DAI) Istanbul, und Prof. Dr. Stéphane Verger, École pratique des hautes études Paris, vereint der 20. Band der Pergamenischen Forschungen sechzehn aktuelle Studien aus Archäologie, Anthropologie und Bioarchäologie. Im Mittelpunkt stehen nicht alleine die materiellen Ausstattungen der Toten, sondern die soziale Bedeutung von Bestattung und Gedenken. Die Beiträge zeigen, wie menschliche Überreste, Grabarchitektur, Inschriften und Rituale dazu beitrugen, individuelle Lebensgeschichten in kollektive Erinnerung zu überführen: „In diesem Zusammenhag spielt die Rekonstruktion von ‚Funerallandschaften‘ eine immer größere Rolle: Über das einzelne Grab und die Nekropole hinaus waren das räumliche Verhältnis zu Stadt, zur Vorstadt und zur Landschaft  sowie die Interaktion mit dem Naturraum von großer Bedeutung für die Ausprägung individueller und kollektiver Erinnerung,“ erläutert Felix Pirson. Die Nekropolen von Pergamon, Aigai, Kyme, Elaia, Mytilene und Antandros erscheinen in den unterschiedlichen Perspektiven der einzelnen Beiträge als komplexe Erinnerungsräume: Sie sind nicht nur wichtige Quellen für die Untersuchung antiker Bestattungspraktiken, sondern geben mit Grabausstattung und Inschriften auch Einblick in Jenseitsvorstellungen, Totenbrauch sowie soziale, politische und kulturelle Dynamiken im hellenistischen Kleinasien wider.

Kriminalistisches Vorgehen der Archäologie
Neben neuen Perspektiven der Interpretation zeigt der Band auch das Potential interdisziplinärer archäologischer, natur- und geowissenschaftlicher Forschung auf: Erstmalig ist es gelungen, dem monumentalen Grabhügel Yiğmatepe, der den hellenistischen Herrschern Pergamons als Begräbnisstätte diente, einen Teil seiner Geheimnisse zu entlocken. Ausgrabungen konnten den komplizierten Bauablauf klären, Funde und Radiocarbondatierungen bleuchten seine Entstehungszeit und Nutzungsgeschichte und geophysikalische Verfahren ermöglichen neue Hypothesen über sein komplexes Innenleben. Besonders eindrucksvoll ist die Neubewertung eines archäologischen ‚Cold Case‘ aus dem frühen 20. Jahrhundert: Die erneute Untersuchung von Funden aus einem kleinen Grabhügel in der Nachbarschaft des Yığmatepe konnte einem lange anonymen Toten seine Identität wiedergben. Sie zeichnet das Bild eines Mannes, dessen Grab keltische Waffen und Bestattungssitten mit anatolischen Traditionen und makedonischem Repräsentationsanspruch verbindet.

Regionale Traditionen und lokale Formen des Erinnerns
Mit seinem historischen und landschaftlichen Fokus bietet der Band erstmals eine vergleichende regionale Studie zur hellenistischen Bestattungskultur in Kleinasien: Auf dieser Grundlage entsteht das Bild einer weitgehend gemeinsamen Bestattungskultur, die überraschend wenige Unterschiede zwischen Städten mit konstruierten gründungsmythischen Traditionen und der hellenistischen Metropole im anatolischen Mysien erkennen lässt. Statt grundlegender Gegensätze treten lokale Besonderheiten in den Vordergrund, die unterschiedliche Möglichkeiten boten Erinnerungskultur zu gestalten. Die Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass Erinnerung kein statisches Phänomen war, sondern immer wieder neu ausgehandelt und an gesellschaftliche Veränderungen angepasst wurde. Dabei zeigen die funeralen Landschaften eindrücklich, wie eng Tod, Erinnerung und soziale Rolle in der hellenistischen Welt miteinander verbunden waren.

Impuls für die internationale Forschung
Mit seiner interdisziplinären und internationalen Ausrichtung eröffnet der Band neue Wege für die Erforschung antiker Gedächtniskulturen. Er zeigt, wie der Umgang mit den Toten Aufschluss über die Werte, Konflikte und Selbstbilder der Lebenden gibt. Hellenistic Funerary Culture in Pergamon and the Aeolis liefert damit zentrale Impulse für die internationale Forschung und eröffnet neue Perspektiven darauf, wie komplexe sozial- und kulturhistorische Phänomene wie Tod und Erinnerung auf der Grundlage einer breiten Datenbasis neu bewertet werden können.

Publikation
Pirson, F. and Verger, S. (eds.) (2025) Hellenistic Funerary Culture in Pergamon and the Aeolis: A Collection of Current Approaches and New Results. Berlin: iDAI.publications/books (Pergamenische Forschungen): https://doi.org/10.34780/b60xwm79

Pergamon, Stadtberg, Nordhang. Luftaufnahme eines Grabbereichs DAI Istanbul // B. Korkut
Pergamon, Vorstadtgebiet. Vier Kistengräber und ein Sarkophag (sogenannte Kunisch-Gräber) aus dem Nordwesten, Kunisch (1972) DAI Istanbul // N.N.
Hellenistic Funerary Culture in Pergamon and the Aeolis: A Collection of Current Approaches and New Results. Pergamenische Forschungen 20 DAI Istanbul // Cover: Arne Weiser. Design: hawemannundmosch, Berlin
Pergamon, Stadthügel. Nordhang. Goldener Ohrring als Grabbeigabe. DAI Istanbul // B. Korkut
Pergamon, Stadthügel. Nordhang. Gräberbezirk während der Ausgrabung (2020) im Vordergrund links. Oberhalb der modernen Straße zur Akropolis, unterhalb von Straße 4. Blick von Südosten. DAI Istanbul // M. Karagül

Kontakt
Prof. Dr. Felix Pirson , Leiter
Felix.Pirson@dainst.de

Doris Fleischer , Pressereferentin und stellv. Leitung Kommunikation
Doris.Fleischer@dainst.de

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