Zusammensetzung von Körper und Tod: Konstruktion – Dekonstruktion – Rekonstruktion

Die wahrgenommene Identität einer Person als Individuum und als Teil einer funktionalen oder kollektiven Identität wird durch viele bewusste und unbewusste Entscheidungen und Interpretationen beeinflusst: In diesem Zusammenhang übernimmt der Körper als sichtbare und greifbare Einheit die Rolle einer Leinwand, auf der durch das Hinzufügen und Entfernen von Elementen Bedeutung erzeugt wird und sich ein kohärentes Ganzes formt: Der nackte Körper wird bekleidet, es können dauerhafte oder temporäre Veränderungen an physischen Merkmalen wie Haut, Haaren oder Zähnen vorgenommen werden. Diese Einheit wird wiederum durch den äußeren Kontext beeinflusst, etwa durch Identitäten, die auf unterschiedlichen sozialen Hintergründen beruhen. Diese Identität wird nach außen kommuniziert, von anderen wahrgenommen und interpretiert. Im Gegensatz zum Leben verliert ein Individuum mit dem Tod die Fähigkeit, sich aktiv selbst zu konstruieren, und tritt in den statischen Zustand einer „verstorbenen Person“ ein. Tod und Bestattung sind jedoch keine neutralen oder rein technischen Reaktionen auf das Lebensende. Sie sind kulturelle Prozesse, in denen Körper, Objekte, Erinnerungen und Narrative aktiv geformt, hinterfragt und neu bearbeitet werden. Cluster 3 „Körper und Tod“ lädt zur dreitägigen Konferenz vom 28. bis 30. September 2026 an der RGK in Frankfurt am Main in der Palmengartenstraße 10–12 ein.

Auf theoretischer Ebene fragt die Konferenz, wie die Konzepte von Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion im Kontext von Körper, Tod und Bestattung definiert und angewendet werden können. Was bedeutet es, die Toten sozial, materiell oder narrativ zu konstruieren? Wie lassen sich Akte der Zerstörung, Störung oder der Verweigerung des Gedenkens als Formen der Dekonstruktion verstehen? Inwiefern ist archäologische Interpretation selbst stets eine Form der Rekonstruktion – notwendigerweise vorläufig und von modernen Perspektiven geprägt? 

Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der Konstruktion und Dekonstruktion des Körpers, sowohl im Leben als auch insbesondere nach dem Tod. Bestattungen und Gedenkpraktiken schaffen durch Grabbeigaben, Grabarchitektur, Inschriften, Narrative und wiederholte rituelle Handlungen spezifische Bilder der Verstorbenen. Diese Konstruktionen können später durch Grabräuberei, Zerstörung, Fragmentierung oder das Auslöschen von Erinnerung verändert oder aufgehoben werden. Auch aktuelle Versuche, bestattete Individuen zu interpretieren und zu rekonstruieren, sind Teil dieses fortlaufenden Prozesses. Die Konferenz beleuchtet zudem die Auswirkungen mortuärer Praktiken auf die Lebenden. Als Übergangsriten inszenieren Bestattungsrituale Transformationsprozesse, in denen Körper und Identitäten neu konfiguriert, Autorität und Nachfolge symbolisch legitimiert und Gemeinschaften durch die liminale Aushandlung von Trauer und Verlust geführt werden. Umgekehrt können Tote bewusst dekonstruiert werden, um ihre frühere soziale oder politische Macht zu neutralisieren oder anzueignen, sei es aus rituellen, emotionalen oder pragmatischen Gründen. 

Die Tagung findet in einem hybriden Format statt und wird online übertragen. Nähere Informationen folgen.