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Netzwerke - Cluster 2

Cluster 2: Innovationen: technisch, sozial

Mit dem Wort Innovation bezeichnen wir gesellschaftlich eingebettete Veränderungsprozesse, die nachhaltig zu einer Transformation dieser Gesellschaften beitragen. Das Forschungscluster beschäftigt sich mit den Bedingungen und Auswirkungen technischer und sozialer Innovationen in einer vergleichenden Perspektive. Es führt Projekte zusammen, die von der Prähistorie bis in die Spätantike reichen und sich zunächst auf zwei Schwerpunktthemen konzentrieren: Wasserwirtschaft und Metallurgie. Für das Cluster wurde 2012 eine Fortführung und eine thematische Erweiterung um den Schwerpunkt "Innovationen in der Kriegstechnik" beschlossen.

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Cluster 2
Deutsches Archäologisches Institut
Podbielskiallee 69-71
14195 Berlin
 

Wichtige Ergebnisse der ersten Forschungsphase 2006-2012

Wichtige Ergebnisse der ersten Forschungsphase 2006-2012

Das Forschungscluster "Innovationen: technisch, sozial" bündelt die am Deutschen Archäologischen Institut existierenden Forschungsprojekte, die in besonderer Weise Innovationen in den Vordergrund rücken. Den Schwerpunkt bilden dabei komplexe Gesellschaften; den spezifischen Fragen und Problemen, die mit der 'neolithischen Revolution' verbunden sind, ist ein eigenes Cluster gewidmet. Es führt Projekte zusammen, die von der Prähistorie bis in die Spätantike reichen und sich in der ersten Phase überwiegend auf zwei Schwerpunktthemen konzentrierten, Wasserwirtschaft und Metallurgie.

Das Thema ist interdisziplinär angelegt, so dass in den jährlichen Treffen Themen und Daten aus der archäologischen Grundlagenforschung, der Philologie und Alten Geschichte sowie der Metallanalytik (letztere vertreten durch das Deutsche Bergbau-Museum Bochum und das Nationale Archäologische Museum in Madrid) bearbeitet wurden. 

Zu Ergebnissen der Forschungsarbeit siehe hier.

Fragestellung seit 2012

Sprecher: Ricardo Eichmann (Orient-Abteilung), Svend Hansen (Eurasien-Abteilung), Christof Schuler (DAI München)

Die Erfahrung von Wandel prägt die moderne Lebenswelt in allen Bereichen. Nicht nur allmähliche Veränderungen, sondern der Zwang zu Reformen und die ständige Suche nach Innovationen in einem globalen Wettbewerb bestimmen das Bewusstsein von Politik und Gesellschaft. Innovationen werden als unbedingte Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewältigung der Zukunft, die Bewahrung von Lebensstandards und die Stabilität der Gesellschaftsordnung betrachtet und deshalb gezielt und in hohem Tempo angestrebt. Dabei werden Innovationen heute vor allem als technische verstanden, und die noch vor kurzem stärker akzentuierte Kritik an naiver Technikgläubigkeit hat einer differenzierteren Sicht Platz gemacht, in der die Lösung drängender Probleme wieder vor allem von neuen, 'intelligenten' Techniken erhofft wird. Auf der anderen Seite stehen Verunsicherung und Zukunftsängste breiter Bevölkerungskreise angesichts des Veränderungsdrucks auf bis dahin selbstverständlich tragende Strukturen. Diese Beobachtungen verweisen auf die Einbettung von Technik und Innovationen in ihren gesellschaftlichen Kontext und die Abhängigkeit ihrer Akzeptanz von der herrschenden Mentalität.

In starkem Kontrast zur heutigen Situation wirken vormoderne Kulturen in ihrem Entwicklungsgang langsam oder geradezu statisch. Vielfach blieben die konkreten Lebensumstände innerhalb einzelner Generationen nahezu unverändert. Dabei ist Statik nicht mit Stabilität zu verwechseln: Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erlaubte oft nicht mehr als ein labiles Gleichgewicht mit geringer Krisentoleranz, so dass Kriege oder Naturkatastrophen schwere Rückschläge bewirken konnten. Über Generationen langsam erarbeitete Fortschritte konnten auf diese Weise fast mit einem Schlag wieder zunichte gemacht werden.

Dennoch spielen auch und gerade in vormodernen Gesellschaften Entwicklungsimpulse und Neuerungen aller Art eine zentrale Rolle. Sie sind aufgrund ihres selteneren Vorkommens sogar ein besonders interessantes Phänomen. Denn gerade vor dem Hintergrund eines grundsätzlich langsamen Entwicklungstempos drängt sich umso mehr die Frage nach den Bedingungen der Entstehung und Ausbreitung von Innovationen auf.

Innovationen haben in der frühen Menschheitsgeschichte zweifellos eine wichtige Rolle gespielt. Das Bündel von neuen Techniken, das Gordon Childe mit der griffigen Formel der "Neolithischen Revolution" belegte, veränderte grundlegend die Wirtschafts- und Lebensweise des Menschen. Die Erfindung des Rades im 4. Jahrtausend empfinden wir als so elementar, dass sie in Form von Redewendungen in unsere Sprache eingegangen ist. Die 'Erfindung' der Demokratie im klassischen Athen ist festes Traditionselement der europäischen Geschichte. Die Entstehung des Christentums in der frühen römischen Kaiserzeit markiert den Beginn eines langen Konflikts mit den traditionellen Kulten, der schließlich zu einem tiefgreifenden Wandel aller Ebenen der antiken Welt beitrug. Obwohl also die Bedeutung von Innovationen für die Herausbildung sozialer und politischer Organisation unbestritten ist, ist dieser Zusammenhang bislang im Rahmen der modernen archäologischen und altertumswissenschaftlichen Forschung noch kaum untersucht worden. Für die dafür erforderliche Langzeitperspektive bieten sich die Archäologien und Altertumswissenschaften an, um im Kulturvergleich neue komparative Einsichten in die Verschiedenheit innovativer Prozesse zu gewinnen.

Dabei geht es nicht um eine traditionelle Fortschrittsgeschichte der technischen Erfindungen, sondern um die Bedeutung von Techniken verschiedenster Art in kulturellen Systemen. Der Begriff der 'Innovation' steht deshalb im Folgenden nicht nur für technische Neuerungen im engeren Sinn, sondern auch für neue Erscheinungen in anderen kulturellen Bereichen. Das Aufkommen neuer religiöser Kulte gehört dazu ebenso wie die Entwicklung von Gebäudetypen oder die Einführung neuer öffentlicher Ämter. In einer kulturgeschichtlich orientierten Betrachtung sollen technische und andere Innovationen nicht in erster Linie als funktionale Problemlösungen, sondern im Hinblick auf ihre soziale und symbolische Dimension betrachtet werden. Gesellschaftliche Strukturen und Innovationen bedingen sich gegenseitig. Die Möglichkeit und konkrete Entfaltung von Innovationen ist abhängig von den Strukturen einer Gesellschaft, und ihre Durchsetzung und Ausbreitung hat wiederum Auswirkungen auf das soziale Gefüge. Ein prinzipielles Positivurteil im Sinne eines linearen Fortschrittsdenkens ist dabei zu vermeiden. Was als 'Fortschritt' bewertet wird, ist vielmehr Ausdruck zeitgebundener Werturteile sowohl im Kontext des untersuchten Zeitraums wie in der Perspektive des Forschenden und deshalb einer kritischen Reflexion zu unterwerfen. Das schließt auch und gerade eine Perspektive auf die Verweigerung von Innovation und den Widerstand gegen sie ein. Neben der Bedeutung von Innovationen als Motor sozialen Wandels ist deshalb die starke Traditionsorientierung vieler vormoderner Gesellschaften in den Blick zu nehmen.

Für den konkreten Arbeitsprozess werden drei Schwerpunkte gebildet:

  • Arbeitsgruppe 1: "Metallurgie – Blei und Silber". – Verantwortlich: Barbara Helwing (Außenstelle Teheran) – Michael Kunst und Marcus Hermanns (Abteilung Madrid)
  • Arbeitsgruppe 2: "Wasserwirtschaft". – Verantwortlich: Ricardo Eichmann (Orient-Abteilung) – Florian Klimscha (Eurasien-Abteilung) – Christof Schuler (DAI München)
  • Arbeitsgruppe 3: "Konflikt und Innovation. Kriegstechnik im Altertum". – Verantwortlich: Florian Klimscha (Eurasien-Abteilung) – Svend Hansen (Eurasienabteilung) – Nils Müller-Scheeßel (RGK)