Detail Navigation

Netzwerke - Cluster 4

Cluster 4: Heiligtümer

Im Zentrum der Arbeit des Forschungsclusters stehen Heiligtümer in einer weltweiten und zeitübergreifenden Perspektive. Die Fragen nach Kontinuitäten und Veränderungen wurden zunächst in drei Forschungsfeldern untersucht: "Kontinuitäten und Brüche in Heiligtümern", "Heiligtum-Siedlung-Naturraum: Beziehungen und Abhängigkeiten" sowie "Votiv und Ritual". 2012 wurde beschlossen, die Arbeit des Clusters zu den Heiligtümern mit einer Fokussierung auf das Thema Kulttopographie und Kommunikationsformen im sakralen Kontext fortzusetzen.

Scroll View Portlet

Contact Display

Kontakt

Cluster 4
Deutsches Archäologisches Institut
Podbielskiallee 69-71
14195 Berlin
 

Cluster 4 - Konzept

Ergebnisse der ersten Forschungsphase 2006-2012

Der Kontakt mit dem Göttlichen ist überall möglich, in den Heiligtümern und Kultplätzen ist er jedoch institutionalisiert. Die Untersuchung von Heiligtümern und den dort praktizierten Ritualen erlaubt Rückschlüsse auf die Religionsgemeinschaft, auf ihr Selbstverständnis, ihr Gesellschaftsbild und ihre Wertvorstellungen. Auch heute spielt die Beschäftigung mit Ritualen und ihrer gesellschaftlichen Konnotation eine große Rolle – etwa in der Auseinandersetzung mit benachbarten Kulturen und Gesellschaften, denen die Trennung von Politik und Religion fremd ist. 
Die Fragestellungen des Forschungsclusters "Heiligtümer" zielen also auf integrale Aspekte des menschlichen Lebens und Handels: Wie stellten sich unterschiedliche Kulturen über Zeit und Raum hinweg das Göttliche vor? Wie praktizierten sie ihre Religion und handhabten den Umgang mit dem Heiligen, dem "Übernatürlichen"? Was für Weihgaben wurden produziert und in den Heiligtümern dargebracht? Wie gestalteten unterschiedliche Kulturen ihre Kultplätze und welche Rituale bildeten sie aus? 
Die Arbeiten der ersten Phase des Forschungscluster 4 in den Jahren 2006 bis 2012 waren in vier Forschungsfelder aufgeteilt. Sie beschäftigten sich mit dem "Gestalteten Raum", dem Themenbereich "Votiv und Ritual" sowie der "Genese und Kontinuität" und dem "Ende und Nachleben" von Heiligtümern (Zusammenschluss beider Forschungsfelder seit 2009 zu "Kontinuität und Ende").
 
Forschungsfeld "Gestalteter Raum"
Ein Heiligtum ist zu allen Zeiten und in allen Kulturen ein bewusst besetzter, gestalteter Raum zum Zweck der Kultausübung. Die Heiligtümer, welche in den am Forschungsfeld beteiligten Projekten untersucht wurden, waren dauerhaft definierte und damit baulich gestaltete Orte, an denen die Gottheit/das Göttliche zumindest zeitweise anwesend gedacht war. Die chronologisch und topographisch einen weiten Bogen spannenden Kultorte (10. Jt. v. Chr. – 3. Jh. n. Chr.) bieten sowohl Beispiele für die Wirksamkeit universaler Gestaltungskriterien von Sakralbauten, können aber auch große Unterschiede aufzeigen. In vier Themenkomplexen wurden übergeordnete Fragestellungen erforscht: "Topographische Verortung und Kulttopographie", "Funktionalität", "Abgrenzung und Übergang" sowie "Semantik und Ästhetik". 
Ein universelles Element von Heiligtümern ist ihre Ausgrenzung aus dem Naturraum durch bauliche oder bautechnische Details, letztendlich alle Merkmale die "gestaltend" in den Naturraum eingreifen. Die räumliche Struktur der Kultorte konnte dabei durch unterschiedliche Funktionsbereiche innerhalb des heiligen Bezirks motiviert sein: Opferplatz, Ort des Kultbildes, Versammlungsbereiche der Kultgemeinschaft für unterschiedliche Zwecke; gewisse Bereiche konnten zudem exklusiv für bestimmte Personengruppen reserviert werden.
Als ein gemeinsames Merkmal von Heiligtümern zeigte sich eine besondere Eingangs- oder Zugangsgestaltung, also das bewusste bauliche Nachvollziehen eines Übergangs vom profanen Außenraum zum sakralen Inneren. Die arbeitstechnisch aufwendigen monolithen Türöffnungen der neolithischen Kreisanlagen in Göbekli Tepe, die durch gestaffelte Rücksprünge hervorgehobenen Monumentaleingänge und Knickachsenzugänge der babylonischen Heiligtümer, die hintereinander gestaffelten massiven Pylone in Ägypten, die schlanken, begrenzend durchlässigen Pfeilerpylone an den sabäischen Sakralanlagen, wie auch die Propyla der Heiligtümer und der emporhebende Stufenbau des klassisch-griechischen Tempels geben davon Zeugnis. Die Ausgestaltung des sakralen Raumes – ob aufwendig oder zurückhaltend, bebildert oder bildlos, einem Kanon folgend oder individuell konzipiert – lässt Rückschlüsse auf zugrunde liegende religiöse Vorstellungen bzw. theologische Konzeptionen zu. 
 
Forschungsfeld "Votiv und Ritual"
Im Forschungsfeld wurden die Themen "Spektrum und Veränderung", "Formate und Quantitäten", "Weihungen und Weihgaben" sowie das Phänomen der "rituellen Mahlzeiten" untersucht. 
Die religiösen Vorstellungen einer Gesellschaft hatten nicht nur Einfluss auf die Architektur und Ausstattung des Heiligtums, sondern prägten auch die dort abgehaltenen Rituale. Der genaue Ablauf solcher Kulthandlungen erschließt sich allerdings nur noch teilweise. Für den altorientalischen, altsüdarabischen, altägyptischen und griechisch-römischen Bereich konnten sowohl Schriftzeugnisse, wie etwa Ritualtexte und Kultgesetze, als auch bildliche Darstellungen Einblick in Form und Ablauf einiger dieser Handlungen geben. Für Rituale, die nicht schriftlich fixiert oder bildlich dargestellt wurden, bildeten dagegen die archäologischen Funde und Befunde des kultischen Handelns die einzigen Belege. Im Hinblick auf die Bedeutung von Kultmahlzeiten ließ sich zwischen den griechisch-römischen und südarabischen Kulturen einerseits und der ägyptischen Kultur andererseits ein grundlegender Unterschied konstatieren: Während Kultmahlzeiten in erstgenannten Kulturen ein gemeinschaftliches und gemeinschaftsstiftendes Ritual bilden, sind sie im Ägyptischen ein den Priestern vorbehaltenes Privileg. 
Neben Stätten für gemeinschaftlich vollzogene Rituale und Feste bildeten die Heiligtümer jedoch auch Orte für die individuelle Kommunikation mit der Gottheit/den Gottheiten. Diese Kommunikation des Einzelnen mit "seinem" Gott lässt sich archäologisch an Weihegaben bzw. Votiven ablesen. Die im archäologischen Befund nachweisbaren Weihgaben stellen zwar nur einen Ausschnitt aus dem ursprünglichen Inventar eines Kultplatzes dar. Doch konnten die Analyse des Votivspektrums von ausgewählten Heiligtümern, insbesondere aber auch der Vergleich von Votivspektren verschiedener Orte, wichtige Beiträge zum Verständnis der Kult- und Weihpraxis in den jeweiligen Heiligtümern liefern. Das Spektrum der gestifteten Votive kann Hinweise auf die Zusammensetzung der Kultgemeinschaften, den Charakter der Kulte sowie die Funktion von Heiligtümern geben. So ist u. a. zu beobachten, dass Votive nicht nur in 'vertikaler' Richtung der Kommunikation mit transzendenten Mächten dienen, sondern, gewissermaßen in 'horizontaler' Richtung, auch wichtige Medien der sozialen Kommunikation darstellen. Zudem wurde das durch die Kultgemeinschaft vorgeprägte Votivspektrum eines Kultplatzes qualitativ und quantitativ auch von ortsspezifischen Konventionen beeinflusst, die zum einen durch soziale Normierungsphänomene, aber auch durch die sie frequentierenden sozialen Gruppen geprägt sind. Diachrone Analysen zeigten hingegen, dass Verschiebungen im Votivspektrum eines Heiligtums auf veränderte religiöse Vorstellungen oder sozio-ökonomischen Wandel einer Gesellschaft zurückgeführt werden können.
 
Forschungsfeld "Kontinuität und Ende"
Die Veränderung der religiösen Formen stellt ein wichtiges Merkmal nahezu aller Kultplätze dar: Nur extrem wenige Ritualorte bewahren ihren Charakter unverändert durch die Zeiten ihrer Existenz. Bei fast allen untersuchten Kultplätzen handelte es sich um frühe Gründungen der jeweiligen Kulturen, die häufig über mehrere Jahrtausende Bestand hatten und dabei dennoch eine Entwicklung erfuhren. So ist es zum Beispiel kennzeichnend für antike griechische Religionen, dass die Verehrungsstätte der Gottheit von ihren Anfängen an untrennbar mit einer bestimmten Stelle der Landschaft verbunden ist, die als Quelle, Felsen oder Erdspalt besonders hervorgehoben sein konnte. Der heilige Bezirk, das Temenos, ist als Stätte nicht beliebig verlegbar. Manche Heiligtümer in Griechenland erreichten deswegen ein hohes Alter und existierten kontinuierlich von der Bronzezeit des 3.–2. Jahrtausends v. Chr. bis in die Spätantike des 4. Jahrhunderts. n. Chr. Zwingend ist die frühe Gründung allerdings nicht, aufgrund der guten Quellenlage konnte z. B. in Olympia nachgewiesen werden, dass der ursprünglich als sehr alt angesehene Pelopskult erst in der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. entstand und ein politisches Konstrukt im Zusammenhang mit der Polis-Werdung von Elis war.
 

Zu Ergebnissen der Forschungsarbeit siehe hier.

Fragestellung seit 2012

Sprecherinnen: Iris Gerlach (Orient-Abteilung, Außenstelle Sanaa) – Gunvor Lindström (Eurasien-Abteilung) - Katja Sporn (Abteilung Athen)

Durch die Evaluation und das Ideenkolloquium in 2012 erhielt das Forschungscluster "Heiligtümer" eine neue Konturierung. Ziel der neuen Phase ist es, die verbalen und nonverbalen Kommunikationsformen religiöser Praxis in antiken Gesellschaften zu analysieren. Außerdem tritt das Wechselspiel zwischen der jeweiligen Kulttopographie und den im Heiligtum praktizierten Kommunikationsformen in den Blick. Dabei verstehen wir Heiligtümer und ihr Umfeld als komplexe Systeme der Kommunikation, in denen theologische aber auch politische, ökonomische und andere Botschaften medial vermittelt werden – etwa über sprachliche, bildliche oder naturräumliche Träger.

Grundsätzlich ist von Kommunikation in zwei Richtungen auszugehen, nämlich zum einen von einer vertikalen zwischen Mensch und übernatürlichen Mächten und zum anderen von einer horizontalen, die die soziale Wirkung der Rituale auf die Akteure einschließt. Um mit den übernatürlichen Mächten in Kontakt zu treten, die für das Wohl des Einzelnen und des gesamten Gemeinwesens als verantwortlich galten, bediente man sich verschiedener Formen und Wege der Kommunikation. Dabei setzte man ganz unterschiedliche Medien als Instrument und Verstärkung der Botschaftsübertragung ein. Hierzu zählen etwa die kultische Reinigung; Wasser, Rauch, Aromata, Drogeneinsatz etc. sowie Gebet mit Opfer, Gesang, Tanz, Musik (letztere auch als performative Akte).

Heiligtümer sind soziale Räume, in denen sich die Akteure durch gemeinschaftliche Rituale zueinander in Beziehung setzen. Die Wirksamkeit auf der horizontalen Ebene ist nicht nur vermittelnd und integrierend, sondern auch kompetitiv und hierarchisierend. Ausdruck finden diese Prozesse und Dynamiken vorzugsweise in performativen Handlungen und dokumentierenden, permanent konzipierten Medien. Performative Handlungen sind Prozessionen (auch mit einer bestimmten Aufstellungsordnung), gemeinsame Opfer, Agone, rituelle Mahlzeiten, Initiationsriten, Feste als komplexe Rituale, Versorgung der Götter durch Opfergaben aller Art, Kultbildpflege, Bereitstellung von Kleidern/Schmuck. Memorativen und dokumentarischen Charakter können in den Heiligtümern aufgestellte Weihgeschenke und schriftlich niedergelegte Orakelsprüche und Dekrete haben, welche die erfolgte Kommunikation mit der Gottheit permanent oder zumindest mittelfristig in Erinnerung bewahren sollen. Orakelsprüche und Dekrete besitzen zudem legislative Wirkung, da sie sowohl das Verhältnis zu den Göttern als auch der Menschen untereinander regeln.

Ferner spielt für die Kontaktaufnahme mit der Gottheit oft die Topographie des Kultortes eine entscheidende Rolle. Denn vielfach sind Heiligtümer und Kulte an naturräumlich exponierten Orten installiert worden. Fehlen aufgrund der örtlichen Gegebenheiten solche markanten Plätze, kann dies durch künstliche Inszenierung hervorgerufen werden.

Auf den bisherigen Ergebnissen des Forschungsclusters "Heiligtümer" aufbauend, soll bei einer Untersuchung der Kulttopographie etwa die Position, die ein sakraler Ort innerhalb eines Territoriums oder einer definierten Kultlandschaft einnimmt, berücksichtigt werden: Gezielt zu analysieren sind insbesondere die Wahrnehmung, Beziehung und Veränderung von heiligen Bezirken sowie ihre strukturierenden Aufgaben innerhalb von urbanen Siedlungsräumen, von politischen Territorien oder Landschaften (topographische Bezüge und Hierarchien; Erschließungs- und Wegenetz). Konkrete Fragen sind, ob sich ein Heiligtum an einer Grenze befindet, oder es ob es eine solche definiert, ob es das Zentrum bildet, isoliert liegt oder sich eine konstellative Einbindung erkennen lässt. Was zeichnet den sakralen Raum gegenüber einem profanen aus – wie und wodurch ist das "Innen" und "Außen" gestaltet, gibt es fließende Übergänge?

Innerhalb dieses Forschungsbereichs werden folgende Punkte an Fallbeispielen der aktuellen archäologischen Feldforschung untersucht: Sakrale Raumwahrnehmung durch den Menschen; gesellschaftliche Konstruktion von heiligem Raum; Einbindung des sakralen Raums in die Landschaft (Dominanz oder Einpassung in die Landschaft bzw. in den urbanen Raum); Rekonstruktion der "antiken Kultlandschaften". Nicht zuletzt soll der "Kommunikationsradius" von Heiligtümern in den Blick genommen werden, da die Kultorte mitunter allein schon aufgrund ihrer geographischen Lage eine enorme Reichweite der sakralen Kommunikation entfalten, so dass von einer lokalen und einer überregionalen Vernetzung gesprochen werden kann.

In der 2012 begonnenen Forschungsphase werden Tagungen und Workshops zu den folgenden Themen veranstaltet:

  • Aktion und Interaktion: Konzepte horizontaler und vertikaler Kommunikation in sakralen Kontexten;
  • Wasser – Feuer – Rauch: Ephemere Medien der rituellen Kommunikation;
  • Prämissen ritueller Kommunikation: Topographische Einbindung und Infrastruktur; Prozessionen; Präsenz und Inszenierung des Göttlichen (Divination, Epiphanie);
  • Zeiten und Zyklen? Alltags-, Krisen- und Festrituale.